Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 36 (8.9.1875)
- Date
- 1875-09-08
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Kirchenvorsteher bewogen, sich nach einem Lokal für eine Synagoge umzusehen und sie glaubten in der That in dem Gartensaal des Hötel Hermann ein solches gesunden zu haben. Indessen fand die gute Absicht Der Kirchenvorsteher bei der Gemeinde keinen geneigten Eingang und man hörte da und dort Stimmen des heftigsten Widerwillens gegen den neuen Plan. Um nun die Sache zur Entscheidung zu bringen, wurde an einem Sonntag Vormittag der jüngsten Zeit eine isr. Gemeinde- Versammlung zusammenberufen und damit Jeder sich von der Zweckmäßigkeit und Annehmlichkeit des Lokals überzeugen kö ne, wurde eben der Gartensaal des Hotels Hermann als Versammlungsort gewählt. Aber eben diese Wahl ist es gewesen, welche dem gutgemeinten Plan der Kirchenvorsteher den Hals brach, denn ein ganz besonderer Ui'.stern wollte, daß gerade während der Verhandlung mehrere Eisenbahnzüge mit übermäßigem Pfeifen aus dem Rosensteintunnel auf den Gartensaal zufuhren und jedesmal die Redner auffallend störten. Dieser ruheftörende Lärm wurde sofort von den Hauptgegnern des Hermann'schen Gartensaales auf den Schild erhoben und geschickt benutzt, daß schließlich bei der Abstimmung von 34 Anwesenden 7 für und 27 gegen den Ankauf des Gartensaals zur Synagoge stimmten. Man wird diesen Beschluß vielleicht bereuen, wenn es zu spät ist. Eine Synagoge muß man haben, und die gegenwärtige Betstube kann nicht länger so fortbestehen. Man darf wohl annehmen, daß das ruhestörende Gepfeif der Lokomotivführer bald ein Ende nähme, wenn die isr. Gemeinde sich an die höheren Eisenbahnstellen bittend wenden würde. (St. R. T.) Ocsterr. - Ungar. Monarchie. Wien, 25. Aug. Die „Neue freie Presse" enthält einen interessanten Artikel „Das Judenthum im modernen Staate," den wir hier im Auszuge mittheilen: Wie sie da vor uns steht, die „Pflanze des Morgenlandes in abendländischem Boden," ein Stüä des Ganzen und doch eigenartig, nach Innen zusammengehalten durch historisches Recht und vieltaufendjährige Tradition, nach Außen von langem Drucke und nachwirkender Verkümmerung sich erhebend im jungen Lichte der neuen Freiheit, des vernünftigen Rechtes, das die Völker Europas, die Träger der Weltgesittung aus sich herausgeschöpft , durch Geisteskraft und nach heißem Kampfe mit den ererbten Rechtszuständen zur Herrschaft gebracht im Staatenleben. Was ist es, das dem Judenthum die Widerstandskraft verlieh, vierthalb Jahrtausende zu überdauern, zugleich die Fähigkeit, allen staatlichen und Culturzuständen der Länder und Völker, unter denen es zerstreut ist, sich mindestens so weit anzuschmiegen, daß — Verfolgungen und Unterdrückungen durch passives Dulden überlebend dem Staate der Neuzeit es einen Grundstock von merkantilen, künstlerischen I und wissenschaftlichen Talenten beizubringen vermochte, der die Stellung rechtfertigt, welche seine Bekenner nunmehr, als Freie unter Freien, in allen Culturstaaten einnehmen? Benjamin Disraeli, der sich seiner jüdischen Abstammung rühmt, hat in einem seiner Romane (so viel ich mich entsinne, in „Conningsby“) eine treffende Illustration des überall, wo Juden wohnen, hervortretenden Faktums. „Ihr geht nach Haymarket oder Tattersal, Gentlemen," so erläutert ein Redner in der Versammlung eines land-- wirthschafklichen Vereines die aufgeworfene Frage, „um ein Pferd zu kaufen. Da ist ein tüchtiges Landpferd, dort ein schmächtiges aus fremder Race. Warum kostet das letztere dreißig, auch vierzig Pfund mehr als das erstere? Es ist eben ein Araber. Das Landpferd ist freilich geeigneter für eure Oekonomie, aber das arabische Roß hat besondere Eigenschaften, die seinen Werth bestimmen. Nun seht:'die Juden sind — ich will nicht gerade behaupten, vom Erzvater Abraham her — doch jedenfalls eine seit Jahrtausenden fast durchaus unvermifchte, mit der arabischen nahe verwandte Race. Bei den Menschen wie bei den Thieren ist das bestimmend auf Generationen für viele Eigenschaften, freilich auch für manche Mängel, die euch Gentlemen, als erprobten Landwirthen, wohl bekannt sind. Die meisten Volksstämme sind aus Racenmischung entstanden: der englische aus keltischen, angelsächsischen und normanischen; der französische aus gallischen und fränkischen und so weiter; die Juden in aller Welt blieben reine, unvermifchte Vollblut-Semiten. Sprache, Lebensweise, Bildung nahmen sie willig und eifrig von den Nationen an, unter welchen sie wohnen, haben sich unter allen acelimatisirt, naturalisirt; dabei blieb das Btut in ihren Adern, wie der Glaube in ihren Köpfen unvermifchte Specialität." Der Eigenthümlichkeit in der Construction des Judenthums, der Geistesforschung gestatteten Freiheit neben einem großen Ceremoniale stand und steht heute noch eine Construction der Synagoge (das Wort in weiterem Sinne genommen) zur Seite, welche in keiner der christlichen Kirchen und auch in beiden mahomedanischen Bekenntnissen kein Analogon hat. Nach den strengsten orthodoxen Vorschriften erhält der jüdische Knabe durch die Beschneidung das Symbolum „des Bundes"; kam das jüdische Brautpaar rituell getraut werden