Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 36 (8.9.1875)
- Date
- 1875-09-08
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XVI. Jahrgang. Erste Beilage nt llr. 36 -es Israelit. Leilender Artikel- Neisebriefk. Baden-Baden, 25. August. II. Baden - Baden ist eine der ältesten Städte Deutschlands, die schon zur Römerzeit, also vor circa 2000 Jahren blühte; zahlreiche Baureste aus jener Zeit, Steine mit römischen Inschriften beweisen das zur Genüge. Ob in alten Zeiten Juden hier gewohnt haben — es scheint fast so, da eine der Heilquellen den Namen „Juden-Quelle" trägt. In den letzten Jahrhunderten gab es hier keine Israeliten, und erst in neuerer Zeit haben sich einige wenige Familien hier angefiedelt, unter diesen Hirsch Herz, der eine allbeliebte jüdische Restauration hat. Die Synagoge ist klein und unbedeutend und wenig besucht; ein Raum für die Frauen ist gar nicht vorhanden. An den Wänden sind Bibelsprüche in deutscher Sprache und möglichst schlechter Uebersetzung angeschrieben. Dem ehemaligen Rabbiner Schott von Bühl gebührt das zweifelhafte Verdienst dieser Anordnung. Die ganze Woche ist die Synagoge geschlossen. Freitag- Abend hatten wir Minjan; Sabbat-Morgen ebenfalls, ebenso beim Sabbat-Ausgange; zum Nachmittags-Gottesdienste hingegen erschienen nur sieben Personen. Am Sabbat-Morgen hatten wir das Vergnügen, Herrn Banquier A. H. Heymann aus Berlin die Sidrah lesen zu hören; wir sagen das Vergnügen, denn so schön correct und grammatisch hört man wohl selten „leinen". Herr Heymann könnte in der größten Kehillah mit Ruhm als 6mp tya fungireu, und doch find es bereits 45 Jahre, daß der genannte Herr nicht mehr in Uebung ist. Daß unsere Glaubensgenossen unter den Kurgästen sehr zahlreich vertreten sind, brauche ich wohl nicht erst zu versichern. Wenn fie alle die jüdischen Speisegesetze beobachten würden, dann müßten die grüßten Speisesäle von Juden gehalten werden. Es ist ein wahrer Kummer, diese Leute mit den ausgeprägtest jüdischen Gesichtern vor dem Conversationssaal speisen und sie am Sabbat rauchen zu sehen. Unter denen, die „koscher" essen, bemerkt man Damen, deren Gatten sie nicht be- ) gleiten, sondern bei christl. Restaurants speisen. ' Die neuen Reichslande, namentlich Straßburg, h«4-. n ein großes Contingent zu den Kurgästen geliefert. Herr Oberrabbiner Aron aus Straßburg, ein sehr würdig aussehender älterer Herr, weilt jeden Sommer einige Wochen hier. Von ihm erfuhr ich, daß die Kaiserlich Deutsche Regierung das Gesuch um Creirung eines Rabbinerseminars für Elsaß-Lothringen abschlägig beschützen habe; es läge kein Bedürfniß vor; alle Richtungen im Judenthume hätten in Deutschland Rabbinerschulen, die auch von den Reichsländern beschickt werden dürften. Außerdem sei Straßburg eine reich dotirte Universität, an der die jungen Israeliten studiren könnten. Daraufhin ist man bei der Regierung eingekommen, an der Universität Straßburg einen Lehrstuhl für jüdische Theologie zu errichten, respective einen Talmudlehrer als Universitäts- Professor anzustellen. Auf diese Eingabe ist ein Bescheid noch nicht erfolgt. Bon den jünger» Elsässischen Rabbinen befindet sich hier Herr Blum aus Fegersheim; von andern renommirten Israeliten der Reichstagsabgeordnete Herr Wahrmann aus Pefth und Herr Professor Wolf aus AlaiS in Süd- Franneich. Letzterer ist ein strengfrommer Jude; er lehrt am Gymnasium (Lycäe) in A. die Mathematik. Alais war im Mittelalter, als die Päbste in Avignon restdirten, eine pabstliche Besitzung, und so wurden die dortigen Juden nicht mitvertrieben, als Philipp tv bei unsere Glaubensgenossen aus Frankreich verjagte. Genug für heute. Nächstens s. G. w. mehr. (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten & Corresponderrzen. Holland. Amsterdam. Gelegentlich der jüngst in Amsterdam stattgehabten Feier des zweihundertsten Jahrestags der Stiftung der dortigen Synagoge der portugiesischen Israeliten hatte der Kirchenvorstand u. A. auch den Vorstand der Amsterdamer evangelischen Gemeinde zu der Feier eingeladen. Statt aber diesen Beweis der Toleranz zu würdigen, richtete letzterer eine für das religiöse Gefühl der Einladenden ziemlich verletzende Antwort an den jüdischen Kirchenvorstand. Andererseits