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Der Israelit · 1875-09-01 · Heft 35 (1.9.1875) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
16 (1875)
Issue
Heft 35 (1.9.1875)
Date
1875-09-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XYI. Jahrgang. Zweite Leilage;u Ar. 34 des Israelit. Zeitungsnachrichten # Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 11. Aug. Es war, so erzählt ein Feuilletonift in der „B. B. Z." im Jahre 1869, als ich Amerika von Osten nach Westen durchzog; plan- und ziellos mochte ich fast sagen, streifte icb im fernen Westen herum, besah mir Utah und seine Mormonen und bewunderte die Riesenbauten der Pacific-Eifenbahn. Durch unermeßlich weite Ebenen jagte der Zug mit rasender Schnelligkeit dahin. Die Lokomotive hatte uns bald aus dem Bereiche der Pflanzerhäuschen gebracht und wir haben den letzten menschlichen Wohnungen Lebewohl gesagt. Jetzt soll uns nichts mehr die weite Einöde unterbrechen, als die weit von einander entfernten „Stationen" , wenn man ihnen damals diesen Namen geben durfte. Bei einer solchen „Brady-Jslam" hielten wir ein paar Minuten an und ich benutzte die Gelegenheit, mich nach einem Offizier vom 5. Cavallerie-Negiment, das in der Gegend stationirt war, einem alten Studienfreund aus Wien zu erkundigen. Er war da! Ich vergaß meine „große Tour" — und blieb hier bei ihm. Die Station des Regiments war eigentlich Pawnee-Camp, eine Viertelstunde weiter aufwärts gelegen, ein elendes Nest, hinter welchem aber das kürzlich entstandene Pherson liegt. Wir ritten hinüber, um das Wiedersehen bei einer Flasche Wein zu feiern. Ein Unfall, der uns passirte, zwang uns, unterwegs anzuhalten und uns zu einer Gruppe elender Hütten zu begeben, die von Arbeitern und Schankwirthen bewohnt wurden. Oede und leer sah es in der Umgebung der Hütten aus und nicht ein lebendes Wesen ließ sich blicken. Da schlugen plötzlich ganz seltsame Töne an unser Ohr; es schien ein Stöhnen, Hilferufen zu sein, das aus der letzten Hütte, die etwas abseits stand, zu uns herüberdrang. Unsere Pferde rasch an einen Pfosten bindend, griffen wir zu unseren Revolvern und schlichen leise gegen die Hütte hin. Je näher wir kamen, desto lauter drang das Stöhnen an unser Ohr. Endlich waren wir dicht vor dem Haufe; das niedrige Fenster stand offen und wir blickten hinein: Welch ein seltsamer A-blick bot sich uns! Da lagen an 15 bis 20 Männer, alt und jung, auf der Erde und jammerten und wehklagten, weinten und stöhnten, daß es einen Stein erweichen konnte. Wir sahen uns verdutzt an. Der Ku-klux spukte damals in der Union und wohl von gleicher Ahnung getrieben, traten wir, zwei gegen 15 bis 20* vom Fenster zurück. Das Klappern, das der Säbel meines Freundes verursacht hatte, mußte indeß in der Stube gehört worden sein, denn wir vernahmen ein Geräusch, wie wenn Alles plötzlich von der Erde aufsprang, und schon wollten wir uns in Vertheidigungszustand setzen, als mehrere Gesichter an dem Fenster erschienen. Wir begrüßten sie mit Hellem Gelächter! Die vermeintlichen Kukluxbrüder waren Landsleute, wenigstens gelten sie im Auslande für Deutsche, es waren polnische Juden, an denRingellocken sofort erkennbar. Wir wünschten „Guten Morgen", erhielten keine Antwort; wir frugen ob wir nicht eine Erfrischung erhalten könnten, keine Zunge bewegte sich; die Gesellschaft trat vom Fenster zurück. legte sich wieder aus die Erde und begann aufs Neue zu lamentiren. Wir verschafften uns bald die Ueberzeugung, daß wir die Leute in ihrer religiösen Hebung gestört hatten und verhielten uns ruhig. Da wir nicht fortkonnten, wollten wir das Ende des Gebets abwarten und dann sehen, ob wir nichts erlangen konnten. Drei volle Stunden dauerte das Geschluchze und Gestöhn; endlich erscholl fröhlicher Gesang und die Leute traten aus der Hütte. Wir gingen zu ihnen heran, grüßten, erhielten aber keinen Gegengruß; dagegen antwortete man uns auf unser Begehr nach Erfrischung mit trauriger Stimme, cs sei heute Fasttag und der Besitzer der Hütte, ein Kneipier, könne nichts verabreichen. Ein Fasttag, hier von Juden begangen, war uns beiden etwas wunderlich. Wir drückten unseren Zweifel aus und erhielten zur Antwort, es sei heute der Jahrestag der Zerstörung Jerusalems „Tischabaab." Die Leidtragenden wohnten durchaus nicht Alle zusammen hier in diesen elenden Hütten; zehn bis zwanzig Meilen weit waren Einzelne gekommen, um den Trauertag gemeinsam mit den Glaubensbrüdern im Fasten und in Gebet zu begehen. Frankfurt a.M., 10. August. Im vorigen Monat bemerkte ein Schutzmann einen Rabbi auf der Allerheiligengaffe, welcher von einem Manne, der im Verdachte steht, hier gewöhnlich die Bettler zurechtzuweisen, geführt wurde. Der Mann des Gesetzes argwöhnte, daß auch in dem vorliegenden Fall wieder der unergründliche Bettelsack hausiren .

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