Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 35 (1.9.1875)
- Date
- 1875-09-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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788 und war in Folge seines AnstiftenS genau wie Eleonore gekleidet und frisirtdort erschienen. Sie selbst konnte sich nach einem — in ihrer Art — reich bewegten geben der Einzelheiten nicht mehr erinnern, aber uns blieb eS unzweifelhaft, mein Bruder war von Zöllner in niederträchstiger Weise hintergangen worden. — Dein Vater, mein Bruder Josef, verfiel in eine heftige Krankheit. Den Gegenstand seiner heiligen Jugendliebe, ein reines, edles, schutzloses Mädchen unverdient mißhandelt, ins Elend gestoßen, in die Ferne getrieben, ihr Leben zerstört, vielleicht ihren Tod verschuldet zu haben, das war ein Gedanke, den er nicht zu ertragen, nicht zu überleben vermochte. Er siechte durch volle vier Jahre langsam hin ... . endlich starb er an gebrochenem Herzen!" „Aus Rücksicht für Deine würdige Mutter, wurde das Verhaltniß Josess zu Eleonore nie erwähnt. Franke, dem stets der Gedanke vorschwebte, daß Lorchen doch noch am Leben sei, erließ in den gelesensten Weltblättern einen für die Betreffende nicht mißzuverftehenden Aufruf, sie möge zurückkehren — derselbe blieb ohne Erfolg. Es mußte angenommen werden, daß unsere erste Vermuthung, Lorchen Vorberg habe sich auf dem amerikanischen Auswanderüngsschiff, welches untergegangen war, befunden, richtig gewesen. „Was geschah mit Zöllner? womit suchte er sich zu entschuldigen?" frug Heinrich nach einer längeren Pause. „Zöllner war gerade abwesend, er war auf einigen Domainen, um contrahirte Wollen für uns zu übernehmen. Er kam einige Tage später an. Unsere verdienten maßlosen Vorwürfe wies er alle mit bewunderungswürdiger Ruhe und Festigkeit zurück .... er war eben ein vollendeter Schurke! Er entwickelte in seiner Widerlegung einen merkwürdigen Scharfsinn, der auch den Scharfblickendsten irre führen konnte. Er behauptete, er wäre an dem Mißverständnisse so schuldlos als irgend Einer! — Er hatte das Mädchen ebenso wie wir selbst für Lorchen gehalten. Da die Sängerin mittlererweile abgereist war, konnte er ihre Aussage , sie hätte ihn bei ihrem Hiersein gekannt, leicht als freche Lüge einer unverschämten Abenteuerin bezeichnen. Mit großer Geistesgewandtbeit ging er rasch von der Defensive zur Offensive über. Er warf mir in Gegenwart meines Vaters vor, daß ich als älterer, als Bruder, als Unbetheiligter die Besonnenheit hätte haben müssen, in den Saal zu gehen, mir Klarheit, Gewißheit zu verschaffen — und nur weil ich dies unterlassen, wäre die Sache so folgenschwer ausgefallen, ich, nur ich allein trüge die Schuld an dem unseligen Ausgange. Was er sprach war klug; — in des Wortes wahrster Bedeutung schlecht und recht. all die kaum vernarbten Wunden meiner Seele brachen von Neuem schmerzlich auf! . . . ." „Zöllner schien übrigens tief erschüttert, er warf sich auf das Krankenbett meines Bruders, er schrie wie ein Verzweifelnder, er weinte wie ein Kind ..... es gelang ihm uns, zumeist meinen^ würdigen Vater, dessen reinen Sinn das Verständniß für so'.che Schlechtigkeit fehlte, und sogar auch Franke zu täuschen, zu betrügen. Erst nach seinem — Zöllners — Tode erkannte dieser dessen Niederträchtigkeit. Er blieb noch lange Zeit in unserem Hause bis nach dem Ableben meines Vaters.bis er sich selbst den Tod gab. — Acht Tage nach dem Begräbniß meines unvergeßlichen Vaters fand man Zöllners Uhr und Hut an einer Uferstelle, sein Leichnam ward nicht aufgefunden . . . »Was mag ihn wohl zum Selbstmorde getrieben haben?" frug Heinrich. „Darüber haben wir nie Gewißheit erlangt. Bei dem leichtsinnigen Leben eines so bodenlos verderbten Menschen, war ein Grund leicht zu erdenken. — Vielleicht hatte er in seiner wilden unbezähmbaren Leidenschaftlichkeit ein Verbrechen begangen f dessen Entdeckung und Bestrafung er fürchtete — vielleicht hatte seine ausschweifende Lebensart seine Gesundheit zerrüttet und ihm das Leben unerträglich gemacht — vielleicht hatte sich in der Tiefe seiner Seele der nagende Wurm der Gewissensbisse geregt, — vielleicht mochte ihn denn doch plötzlich Verzweiflung über sein verlorenes Leben machtvoll erfaßt haben .... wer könnte dies wohl bestimmen?" Es war wieder eine Pause eingetreten. Es schlug Mitternacht. „Unsere Conversation," meinte Carl Eberstein, „war sehr inhaltsreich ... ich denke, wir brechen für heute ab. Bezüglich Deiner Wahl, Heinrich, wirst Du uns morgen Deinen Entschluß mittheilen." Die drei Männer schieden von einander. (Fortsetzung folgt). Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Noux'schen Hofbuchhandlung. Z. GottSleben'S Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).