Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 34 (25.8.1875)
- Date
- 1875-08-25
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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766 sein, am Samstag feil zu bieten?! — wer um Alles in der Welt würde im Ghetto am Samstag etwas kaufen? — aber apch alle Plätze und Straßen und Gäßchen sind öde und menschenleer, — ein merkwürdiger Gegensatz zu dem sonst geräuschvollen, lärmenden Treiben, das hier herrscht. Man sieht fast kein lebendes Wesen auf der Straße, nur hier und da schlüpft eine alte Frau über die Gasse, wahrscheinlich um im Spitale einer Nachbarin eine Krankenvisite abzustatten ... ja gewiß! . . . das zeigt ja offenbar die Schüssel mit frischem Obste, die sie in der Hand trägt und die sie der Freundin als Erfrischung mitbringen will — es scheint über diesem Stadttheil der echte, wahre Gottesfriede zu ruhen. Aber wo sind in dem Augenblicke die tausende, sonst so thätigen, betriebsamen, fleißigen, — wir wollen es offen gestehen — sonst auch so lärmenden Bewohner des Ghetto? — woher rührt diese tiefe, an Waldesruhe gemahnende Stille? Die Bewohner des Ghetto schlafen allesammt; vom jünsten Sprossen bis zum betagten Greise; Säugling, Kind, Jüngling, Jungfrau, Mann, Weib . . . Alle! Das Leben des Juden war damals fast nichts anderes als ein fortgesetzter, nur durch die nothwendigsten Erfordernisse des Lebens unterbrochener Gottesdienst. Alles, was er that, that er um Gottes willen. Schinno beschabbos Thanog! *) hieß es, und — Samstags nach Tische schlief man, mußte man schlafen. Da die Straße uns gar nichts Interessantes, nichts Erzählenswerthes darbietet, muß ich den freundlichen Leser bitten, mir in eines der Häuser zu folgen. . . . Wählen wir Nummer siebzehn in der Postgasse, einem ziemlich engen, hinter der weltberühmten, altehrwürdigen Altneusynagoge gelegenen Gäßchen. In der ganzen Judenftadt gab es nur zwei Häuser, die einen einzigen Besitzer hatten, alle andern gehörten einer großen, zuweilen sogar einer sehr großen Zahl von Eigenthümern, von denen jeder für sich ein Theilhaus besaß; nebenbei bemerkt , war dieß ein Verhältnis, das eben nicht sehr geeignet war, die Eintracht zu fördern. Aus der Condominität so vieler Besitzer entstanden zahllose Rechtsslreitigkeiten, deren Lösung in der That oft den ganzen Scharfsinn der praktischen Talmudisten erforderte. Das Unter bes Din^) war mit der Entscheidung in ähnlichen Angelegenheiten fortwährend vollauf beschäftigt. Nummer siebzehn, ein großes, geräumiges 1) Schlummern am Sabbat ist Hochgenuß. 2) Unter-Rabbinat. Haus, hatte verhältnißmäßig wenig Ergenthümer, im Ganzen nur neun! Wir wollen nur jene anführen, die bestimmt sind, in unserer einfachen Geschichte eine Rolle zu spielen. Im Vorderhause im erste Stocke wohnte Red Wolf Moschels, ein gewaltig reicher Tuchhändler, eine geachtete, hervorragende Persönlichkeit, ein Nosch hakohol.^) Im rückwärtigen Gebäude, über einem mäßig großen Hofe, wohnte im ersten Stocke Mosche Budweiser, im zweiten Jakow, nach seinem Gewerbe Jakow Schneider genannt, in der That aber eigentlich den Namen Wodolka führend. Betreten wir Mosche Budweisers Wohnung. Durch eine kleine Küche gelangt man in die Stube. War die heute sabbatliäi aufgeputzt! Die Wände waren blendend weiß getüncht, die Fensterscheiben glänzten vor Sauberkeit, alle Ueberzügc, welche die ganze Woche lang die Reize der altmodischen Möbel neidisch verhüllten, waren abgezogen. Die messingene Hänglampe, die von der Decke herunterhing, glitzerte wie rein gediegen Gold. In der Mitte des Zimmers stand ein Tisch. Ueber die bunte farbige Schabbesdecke lag noch ein weißes Linnen gebreitet. Am Tische saß, in einem Lehnstuhle schlafend. Mosche Budweiser. Er war ein mittelgroßer, aber kräftiger, muskelöser, athletischer Mann, von achtundfünfzig Jahren, vor ihm lag ein offenes Sepher.*) Seine Frau, Bele, war auf einem Stuhl eingeschlummert, auf ihrem Schoß lag das Menorashamoor,^) in demselben lag ein zcrlesener Brief ihres abwesenden einzigen Sohnes. Ester, die Tochter, ein schönes, kräftiges, schlankgewachsenes, schwarzhaariges Mädchen, mit einem lieblichen Gesichte, ruhte, gleichfalls schlummernd im zweiten Zimmer auf einem Kanapee; ein deutsches, der Leihbibliothek entnommenes Buch war ihrer Hand entfallen. Ester war eine große Freundin der Lectüre, sie hatte einen für jene Zeit sehr guten Unterricht genossen, und derselbe war bei ihrem regen und lebendigen Geiste aus fruchtbaren Boden gefallen. Sie konnte, wenn sie nicht befürchtete, mißverstanden zu werden, sich gebildet ausdrücken. Neben Ester lag eine schöne, getigerte Katze im Sonnenscheine, ebenso wie die Familie der Ruhe pflegend. Mosche Budweiser hatte es sich recht bequem gemacht. Er saß in Hemdärmeln, das weiße Halstuch hatte er abgelegt, die weite wammesartige Weste war aufgeknöpft und ließ über einem sauberen 3) Gemeindevorsteher. 4) Hebräisches Shich. 5) Gin Buch in deutscher'Sprache mit hebräischen Schriftzügen.