Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 34 (25.8.1875)
- Date
- 1875-08-25
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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767 Hemde das große Arba Kansos^) aus der breiten mächtigen Brust frei. Das schwarze Sammetkäppchen war tief in den Nacken herabgesunken, und ließ sein schon stark ergrautes Haupt und ein gesundes, volles, geröthetes Gesicht» von einem Rundbart umrahmt, sehen. Seine Gattin, vier Jahre jünger als er, war noch immer eine stattliche, hübsche Frau, mit sanften, gutmüthigen Zügen, denen man noch Spuren ehemaliger großer Schönheit ansah. Sie hatte die reiche Haube abgelegt, und die schwarze Unterhaube ließ auch nicht ein einziges Härchen sehen. Sie trug ein weißes, reines Leibchen über einen Unterrock von eben so tadelloser Weise. Esters Anzug bestand in einem hoch bis an den Hals reichenden, geschlossenen, einfachen Kattunkleidc. Die Familie hatte schon länger als eine Stunde Siesta gehalten, als plötzlich die tiefe Stille durch ein heftiges Zuschlägen unterbrochen wurde. Mosche Budweiser zuckte aus dem Schlafe empor, auch Frau und Tochter erwachten. „Hast ein Untam!"6 7 8 *) rief der Hausherr erbittert. „Mies ist mir vor dem Schochen!°) — wenn mich Gott nur von dem befreien möchte! — froh war' ich, wenn der e ganz großen Terno machen möcht', daß er sich ein ganzes, großes Haus kauft, und ich vor ihm Menucho 10 * * * *) hätte." Frau Bela lächelte schelmisch. „Wenn ich mir schon einen Szone n) wünsche," sprach sie, „sollst Du es sein, Moscheleben! — Du bist wirklich der beste Mensch auf der Welt! Da wünscht ich doch noch lieber uns den ganz großen Terno, daß wir uns ein anders ganz großes Haus kaufen! . . . aber was liegt Dir daran? Du kennst doch Jakow Schneider; er ist wirklich kein übler Mensch, ein Baal Zdoke^) — aber ein Gewaltsmann, ein Rechthaber, ein Narr ist er . . . er kann es nicht ertragen, daß Du beim Bes-Din durchgesetzt hast, eine Dovpelthüre machen zu lassen, die. wenn sie offen steht, bis zu seiner Stiege reicht, — und da schlägt er sie immer zu, wenn er sie offen findet .... an dem solltest Du Dich schon gewöhnt haben! Die Mück wird ja auch den Hammerschlag gewöhnt.1S) 6) Gin viereckiges 3tücf Wollzeng, an dessen Ende sich die Schaufäden befinden. 7) goldgewirkte. 8) Ist das ein Unhold! 9) Ich bin des Nack bars überdrüssig. 1") Ruhe. 11) Feind. 12) Wohlthäter. J 3) Eine damals auck den Frauen geläufige Anspielung aus eine Talmudstelle, in welcher Folgendes erzählt wird: ^.itns, dem Zerstörer Jerusalems, war eine Mücke ins Ohr geflogen, die stets an seinem Gehirn pickte und Hm furchtbare Schmerzen verursachte. Als er einst an einer Lchmiede vorüberging, schienen die Hammerschläge günstig einznwirken, die Mücke ward ruhig Titus lief) daher fortwährend in feiner Gegenwart einen Schmied den „Es ist komisch," meinte Budweiser, „er hat mich gerade aus einem Cholem") geweckt, in dem er vorgekommen ist." „Was war das für ein Cholem?" „Narrischkaten?15) Mir träumte," Budweisers Stimme sank zu einem leichten Flüstern herab, damit Ester im Nebenzimmer nichts erlauschen könne, „Jakow Schneider hatte mir den Rischojon^) für unfern Adem") und unsere Ester verschafft . . . . und wie ich vor Simche18) zu weinen anfangen will, und will ihm die Hand zerpentschen 19) . konlmt das unbetamte Gebember20) und die große Freud' ist weg . . . hast e Untam! — Ich muß Dir sagen," fuhr Budweiser dann leise fort, „wenn ich an der Maaffe 21) denk', stehen mir die Haare zu Berge, — was um Alles in der Welt soll der Szoff22) sein? Fünf Jahre ist unser Kind e Kalle23) und wir haben noch immer keine Aussicht. Was nützt es uns, daß unser Christen 2H ein braver, rechtschaffener, geschickter, frommer Mensch ist, sich gut zu ernähren versteht, ein kleines Vermögen hat, daß sich die jungen Leute sehr lieb haben ... ja, was nützt uns das Alles, wenn wir ihm nicht eine Familie, nicht den Rischojon verschaffen können?" Mosche Budweiser hatte sich vor Erregung sein Käppchen tief in die Stirne geschoben und! knetete aus dem auf dem Tische liegenden Barches-2^) Resten zerstreut, aber eifrig Figürchen. Auch über Bela's Züge zuckte es wie unterdrücktes Weinen, aber sie rückte dem Gatten daS Käppchen zurück, strich ihm leicht mit der Hand über die durchfurchte Stirne und gab ihm dann einen leichten Klaps auf die Hand. „Hörst Du auf, Du Posche!2G)" rief sie scherzhaft, „erstens darf man die Gottesgabe nicht verderben, .... und dann darf man am Schabbes keinen traurigen Gedanken nachhängen .... man darf sich am Schabbes gar nicht ärgern . . . Gott kann unserer Ester helfen, . . . Er wird ihr helfen!" „Du hast rechts mein Kind," entgegnete Budweiser; .... aber sich Schabbes nicht ärgern ist leichter befohlen als befolgt.Glaub' mir's, Bele, wenn ich Jakow Schneider seh', muß ich mich jachten2?) — ich kann mir nicht helfen, so lang' ich auf der Welt leb', Hab ich mit dem Mischpötim28) gehabt! (Fortsetzung folgt.) Ambos bearbeiten; aber endlich verfing auch dieses Mittel nicht mehr, oie Mücke war den Hammcrschlag gewöhnt worden. 14) Traum. 15) Narrheiten. l6) Hcirathsbewilligung. 17) Schwiegersohn. 18) Freude. 19) warm, drücken. 20) abgeschmacktes Gepolter. 21) Geschichte. 22) Ende 23) Braut. ü4) Bräutigam, Schwiegersohn. 25) Weizenbrod. 26 ) Sünder. 2 t) ärgern, kränken. 28) Prozesse, Berdrießlichkeiten.