Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 34 (25.8.1875)
- Date
- 1875-08-25
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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764 meiner Seele, im Halbschlaf ruhte . ... ich liebte meinen Bruder.... ich wollte Lorchen kein Unrecht zufügen.ich war kein unredlicher Mensch .... aber die Täuschung war für mich eine zu wohlthätige, um sie grausam zerstören zu sollen .... und noch eines, noch ein wichtiges Motiv .... ich habe es erwähnt, unser Haus befand sich in harter Bedrängniß .... Die Verbindung mit Winterburg durch Josef hätte unser Haus gestützt — meinen Vater der schwersten fürchterlichsten Sorge entledigt ... ah! - - Robert seufzte tief auf —in dem Momente bildete ich mir ein, wollte ich mir einbilden .... es wäre ein Fingerzeig Gottes; — Josef solle durch seine Heirath unser Haus stützen .... und dann Zöllner, Josef .... beide zweifelten nicht an ihrer Jndentität.weshalb sollte ich, — gerade ich .... mit so überaus rigoroser Aengstlichkeit den klaren zweifellosen Fall — unnöthigerweise nochmals prüfen. — Leidenschaft und Egoismus lieben keine Gegengründe .... ja! ... ja! rief eS in mir .... es ist Lorchen; ohne jeden Zweifel und ich glaubte es damals selbst fest .... ich hätte es mit allen Eiden beschwören mögen . . . . und so erstickte die leise, leise Stimme, die in dem tiefsten Grunde meiner Seele, halb traumhaft, mir nur halbbewußt zu Lorcheus Gunsten sprach! . . . . Ich habe gefehlt .... schwer gefehlt . . . . aber beim allmächtigen Gott, nicht mit Bewußtsein — gefehlt mit dem Willen, nur Gutes zu wollen! .Ich hoffe, Dein edler Vater hat mir's verziehen. Thränen entstürzten Roberts Augen, er ergriff zitternd Heinrichs Hand. „Ich glaube, Du quälst Dich vollkommen ohne Grund und Anlaß", sprach Carl erschüttert .... es fiel ja keinem Menschen ein, Dich für den folgenschweren Jrrthum verantwortlich zu machen . . . . Wer vermag in einem Momente solcher berechtigter Erregung immer das Richtige zu finden . . . . Du warst ja noch ein junger Mensch, in erster Linie hatte sich Josef die volle Überzeugung zu verschaffen .... Du beurtheilst Dich zu hart . . . . Du bist unschuldig, ganz gewiß. . . ." „Ich danke Dir .... dasselbe hat auch Franke behauptet.und es ist dies lindernder Balsam für meinen Schmerz". „Was geschah weiter?" frug Heinrich tonlos nach minutenlanger tiefer Stille. „Wir brachten Josef nach Hause.ich faß die f,anze Nacht an seinem Bette. Morgen, Robert, sprach er, gehst Du zu i hr . . . er wollte ihren Namen nicht mehr nennen .... sage ihr, daß sie mein Leben vergiftet, mir den Glauben an die Menschheit für immer geraubt hat. trachte, sie dem Laster, dem sie sich in die Arme stürzte, zu entreißen.sie muß die Stadt verlassen .... Wiedersehen kann ich sie nicht . . ..Eleonore Vorberg wohnte nicht in unserem Hause, sie wohnte bei einer Doktorswittwe; sobald es mir möglich war, ging ich in ihre Wohnung. Je näher ich ihrem Hause kam, desto langsamer ging ich.in dem Momente war ich — vollkommen überzeugt, Lorchen und niemand Anders gestern gesehen zu haben und wünschte, den peinlichen Moment mit ihr zusammenzutreffen, möglichst lang hinauszuschieben. . . . plötzlich raffte ich mich zusammen und eilte im raschesten Laufe, um die Bitterkeit, die mich in den nächsten Augenblicken erwartete, möglichst schnell zu überkommen. — Endlich stand ich vor der Thüre ihrer Wohnung .... verzeiht meine Lieben die Einzelnheiten; — aber indem ich Euch dies erzähle — durchlebe ich jede Sekunde dieses Geschehnisses nochmals durch." „Eleonore öffnete mir selbst die Thüre, sie war in sauberm einfachen Hausanzuge. Man sah ihr keine Spur einer durchwachten Nacht an. Sie trug dieselbe einfache Frisur, in der wir sie in der verflossenen Nacht gesehen. „Was bringen Sie mir in so früher Stunde, Herr von Eberstein;" frug sie erschrocken; — „ist Onkel Franke wohl?" „Ihr Onkel befindet sich vollständig wohl und gesund .... ich komme im Aufträge meines Bruders Josef." „Ein Ausdruck des Befremdens überflog Eleonorens Gesicht, auf das mein Blick scharf gerichtet war .... im Aufträge Josefs .... ist er denn unwohl? .... daß er nicht selbst kommt, oder ist er verreist?" „Sind wir allein? ist die Frau Doctorin nicht zu Hause?" frug ich. „Sie ist abwesend, aber was liegt daran, was Sie mir zu sagen haben, wird wohl jeder hören können— entgegnete Leonore mit einem Anfluge von Ungeduld .. „doch treten Sie gefälligst ein." (Fortsetzung folgt.) Hierzu drei Beilagen. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Rourschen Hofbuchhandlung. «*•-. GottsleKe n's Bnchdruckerei (Mainzer Anzeiger).