Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 33 (18.8.1875)
- Date
- 1875-08-18
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XVI. Jahrgang. Erste Leilage;» Ar. 33 des Israelit. AettungSnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Hamburg. Der Newyorker „Jewish Messenger" enthält Reisebriefe eines Amerikaners aus verschiedenen Städten Europas. Einige Mittheilungen aus dem Hamburg betreffenden Briefe werden auch Ihren Lesern Interessantes bieten. Der Reisende schreibt über die verschiedenen Gotteshäuser der hiesigen isr. Gemeinde. Die größte und schönste Synagoge ist die auf den Kohlhöfen. Mit Erinnerungen an Kley und Salomon (fährt er fort) suchte ich am Sonnabend Morgen den Tempel auf. Da ich nicht recht wußte, wo derselbe liegt, so ging ich einem alten Manne nach, der ein Gebetbuch trug. Er trat in ein altes Gebäude in der Elbstraße. Auf meine Frage, ob dies der Tempel sei, erhielt ich die etwas barsch klingende Antwort: „Nein, wir haben hier keine Reform." Die Synagoge ist ziemlich klein und der Gottesdienst eher geräuschvoll als andächtig. In dieser Synagoge hielt der sel. Bernays vor 30 Jahren seine Deraschahs, und Manche gedenken ihrer noch. Er war ein Mann von gewaltigem Wissen, aber kein Prediger im modernen Sinne des Wortes. Er konnte zwei Stunden über viele Gegenstände sprechen, das Ganze war dann weniger eine Predigt als eine Mannigfaltigkeit von Talmud- und Bibelstellen sund tiefen Gedanken. Red.j. Man erzäht, daß einst ein Mann gefragt wurde, ob er Bernay's Reden verstehe. „Was? lautete die Antwort, meint Ihr, ich hätte die Cutzpah sie zu verstehen?" Er war aber sehr beliebt, und sein Andenken wird verdientermaßen in Ehren gehalten. Es war nicht weit von da zum Tempel. Der Eingang führt durch einen Bogengang, und das 1845 errichtete Gebäude kann kaum imponirend genannt werden. ES hat etwa 350 Männer- und 200 Frauensitze, und ist im Innern sehr einfach. Ich kam ungefähr um halb Zehn. Da waren zwei Knaben auf den Sitzen; der Chor war jedoch in voller Thätigkeit, und die Orgel hatte dazu das Regiment ganz allein. Als die Predigt begann, gegen halb Elf, waren sechszehn Mannspersonen anwesend, von denen zehn gekommen waren, um Kaddisch zu sagen, indem sie zu Ende des Gottesdienstes vortraten. Der Chor besteht aus Knaben und Männern. Es wird zur Thora „aufgerufen." Ein Talis trug keiner von den Sechszehn, der Küster gab jedem von den sieben Aufgerufenen ein solches. Der Anstand, öer von den 16 Männern unten und den vier Frauen oben beobachtet wurde, war sehr preiswürdig. Der Tempel hat zwei Prediger, die DDr. Jonas und Sänger. Heute war die Reihe an Dr. Jonas und er begann nach einer Pause von fünf Minuten, welche durch ein Präludium der Orgel ausgefüllt wurde. Der Grundgedanke der Predigt war eine Bekämpfung des Prinzips des „Verdienstes unserer Vorfahren" — nur eigne That, nicht der Ahnen Verdienst könne den Menschen retten. Dr. Jonas spricht sehr klar und eindringlich, wenn auch nicht überzeugend — wenigstens war dies mit seiner diesmaligen Predigt nicht der Fall. Es gibt indeß für seinen Unglauben an die jüdische'Idee des Verdienstes der Vorfahren vielleicht eine Entschuldigung. Kley und Salomon hatten gedrängt volle Häuser, heutzutage ist der Tempel verlassen; das Verdienst seiner Vorgänger ist also nicht auf ihn übergegangen. Die Predigt dauerte etwa eine halbe Stunde. Gleich nach Schluß derselben eilte ein Viertel der Versammlung hinaus, Zwölf blieben zurück, von denen Zehn nachher unwono Kaddisch sagten. Es war angenehm zu sehen, in welcher Ordnung die Gemeinde das Haus verließ, es gab kein Plaudern und kein Gedränge in der Vorhalle; die Zwölf defiliren ruhig und schweigend hinaus." (Isr. Wochenschr.) Oesterr. - Ungarische Monarchie Eibenschitz, 5. August. Die vom Staate besoldeten Lehrer an den Volksschulen der israel. Gemeinden Mährens waren laut Erlaß des k. k. Landesschulrathes vom 5. October 1874. I., 7969 angewiesen, die k^tolischen Feiertage als Ferialtage einzuhalten und an den jüdischen Feiertagen Schule zu halten. Diese mit den interconfessionellen Gesetzen kaum zu vereinbarende Verordnung wurde erfolgreich bekämpft. Denn mit dem Erlasse vom 29. Juli 1875. Z. 11104 wurde festgesetzt, daß „nicht die christlichen, sondern die mosaischen Feiertage als Ferialtage in den Volksschulen der isr. Gemeinden zu gelten haben." Der Religionsunterricht wird in diesen Schulen eifrigst gepflegt. Die Kinder lernen die Bibel im Urtexte, an ihr hat der Lehrer in geeigneter