Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1875-08-18 · Heft 33 (18.8.1875) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
16 (1875)
Issue
Heft 33 (18.8.1875)
Date
1875-08-18
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2447603-2447626--11678-2467472
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

739 Es trat wieder eine längere Pause ein. Heini rich blickte in das Testament. „Wer ist Lärchen Vorberg?" frag er endlich, | den Namen habe ich nie nennen hören .... sie! muß dem Großvater sehr nahe gestanden sein, da - er sie oder ihre Kinder, so reich bedachte; es ist j mir schon im Lesen des Testamentes ausgefallen; - — aber ich wollte mich nicht unterbrechen . Wer ist Lorchen Vorberg?" Heinrich wandte sich an Robert. Dieser hatte während jener gelesen, wie ermüdet die Augen geschlossen. vor seinen geistigen Blicken mochten wohl Bilder vergangener Zeiten vorübergezogen sein, jetzt als ihn Heinrich wieder ansprach, zuckte er aus seinen Träumereien empor. „Ich bin in meiner Erzählung weit abgeirrt" . sprach er, ich wollte von Deinem Vater sprechen und da wirst Du auch .... ah! .... von Lorchen Vorberg hören. — Lorchen Vorberg war Frankes Nichte. Ihre Mutter war Frankes Schwester gewesen. Sie war als elternlose Waise in das Haus zu Franke gekommen. Einen Tag vor ihrer Ankunft reiste ich nach England, um dort den Verkauf unserer Wollen zu leiten und kam erst nach vier Jahren nach uuunterbrochener Abwesenheit nach Hause. Es war eine jener großen Handelskrisen hereingebrochen, die auch unser Haus mächtig erschütterte. Ein starker plötzlicher Rückgang der Wollpreise, zahlreiche Fallimente, bei denen wir stark betheiligt waren, hatten eine Berathung notwendig gemacht, an der auch ich mich betheiligen sollte. Eleonore Vorberg, die als Kind ins Haus gekommen, hatte sich zu einer wunderherrlichen mit den reichsten Gaben der Natur ausgestattetcn Jungfrau entwickelt und schon bei ihrem ersten Anblicke fand ich es vollkommen begreiflich, daß jeder der in ihrer Nähe lebte, dem'Zauber dieser anmuthigen Erscheinung erlag. — Mein Bruder Josef gestand mir schon am ersten Tage, daß er Eleonore gluthvoll und für ewig liebe, daß seine innige Neigung erwiedert würde, und bat mich bei unserem Vater und bei Franke, seinen heißesten Wunsch Eleonore zur Gattin wählen zu dürfen, zu befürworten. — Franke in seinem Zartgefühl nahm meine Mittheilung mit offenbaren Mißvergnügen auf. Es sollte nicht den Anschein haben, daß er ein Verhältniß begünstige, das seine mittellose Nichte zur Schwiegertochter seines reichen lChefs machte, aber auch mein Vater ward von meinen Mittheilungen überrascht. Dieser gestand mir, daß Baron Winterburg in Frankfurt, Dein Mroßvater Heinrich, — Deinen Vater in Frankfurt kennen gelernt und liebgewonnen hatte, nnd st>aß es sein sehnlicher Wunsch war, ihm seine k^ochter, Deine verewigte Mutter zur Gattin zu! geben. Entsprach eine solche Partie, bei den herrlichen Eigenschaften Deiner seligen Mutter, jedenfalls und nach jeder Richtung den Wünschen meines Vaters; so war derselbe unter den damaligen Zeitverhältnissen für unser Haus doppelt wünschenswerth .... „Es gibt nichts Neues unter der Sonne" sprach Robert träumerisch vor sich hin, wir waren damals wie heute, wie vor zwei Stunden in starken Verlegenheiten, wir waren reich; aber genau wie jetzt mangelte es uns an flüssigen Capitalien, die zahlreiche» nothleidenden Wechsel einzulösen, da uns gleichzeitig von Privaten, die ihr Geld bei uns liegen hatten, große Capitalien gekündigt worden waren und unsere starken Wolllager in England, Frankreich, Belgien und Deutschland, während der Krise nur sehr schwer verkäuflich waren. — Wir befanden uns in starker Geldverlegenheit, die Retourwechsel mußten eingelöst , alle Mittel aufgeboten werden. die Katastrophe zu überwinden.' Forcirte Verkäufe, ungewöhnlich starke Abgaben auf unsere Freunde im Auslande zu einer Zeit, die einer solchen Gebahrung ungünstig erschien, begannen die Geschäftswelt aufmerksam zu machen, man fing an> wie man sich in der Geschäftswelt auszudrücken pflegt: von uns zu sprechen. Die Verbindung eines Sohnes unseres Hauses mit einer Baronin Winterburg in diesem kritischen Zeitpunkte hätte genügt, alle auftauchenden Zweifel an unserem Hause zu zerstreuen .... diese Heirath erschien unserem Vater also doppelt wünschenswerth. Allein er war zu edel, er dachte zu hoch, um sich von irgend einer andern Rücksicht als jener für das Wohl seines Sohnes bei der Wahl einer Schwiegertochter leiten zu lassen ... er hatte in die Verbindung mit Lorchen Vorberg gewilligt, aber es trat ein Zwischenfall ein so eigenthümlich .... so eigenthümlich . . . . Robert brach plötzlich ab und drückte seine Hände kramphast auf seine Augen, als wolle er eine Erinnerung machtvoll verdrängen .... nach einer langen Pause fuhr er fort. . „Zöllner, der böse Dämon unseres Hauses liebte Leonore .... es unterliegt keinem Zweifel, er hatte es gewagt seine wilden Gefühle vor Eleonoren auszusprechen und diese .... rein, schuldlos, hochherzig, mußte ihn in ihrer wundervollen jungfräulichen Hoheit abgewiefen haben — Rache, Rache, Neid, Mißgunst, — alle bösen Leidenschaften leicht geweckt in der Brust dieses Nichtswürdigen, rasten in seiner Seele — er wollte die Verbindung Josefs mit Lorchen hintertreiben — und er errichte seine Absicht durch die niederträchtigste List." „Josef hatte Eleonore seine Liebe gestanden,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.