Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 29 (21.7.1875)
- Date
- 1875-07-21
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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652 worben. Lieber Oheim, kindischen Eigensinn, Leichtsinn, Verkennen der Situation dürft Ihr mir nicht vorwerfen! Ich finde es vollkommen begreiflich, daß Euch mein Benehmen sonderbar, höchst sonderbar erscheint; aber ich bitte Euch, zu bedenken, daß im Menschenleben auch Außerordentliches eintreten kann . „Aber, lieber Heinrich!" unterbrach ihn Carl wieder etwas begütigt, „ich will von allem andern absehen . . man bringt Dir ein liebenswürdiges anbetenswerthes Wesen zur Gattin entgegen .. und . . ich will ganz Poesie, ganz Geßnersche Idylle sein — die nebenbei — so ganz nebenbei einige Millionen besitzt, und durch diese das Mittel, das Haus Deiner Väter, das HauS. das unter den fürchterlichen Erschütterungen wankt, zu stürzen droht ... vor einem schmählichen Falle zu bewahren . . und Du kannst noch zweifeln über das was Du zu thun hast? — Heinrich, schon einmal hat unser Haus geschwankt. Dein Vater hat es erhalten . . er unterdrückte die Erinnerung an eine Jugendliebe, die in seinem Herzen lebte, ... er warb um Deine würdige zu früh dahingeschiedene Mutter, um die Baronesse Winterburg, — ihm dankte sein, unser Vater. Dein Großvater die Erhaltung seiner Ehre. Selbst wenn es Dich ein Opfer kosten sollte. Dich um diese liebenswürdige Dame zu bewerben . . ein solch beneidenswerthes Opfer dürftest Du dem Hause „Jonas Ebers" bringen . . in diesem Punkte dürftest Du Dich von Deinen besten Freunden und Verwandten beeinflussen lassen." „Sprechen Sie nicht weiter, Onkel", entgegnete Heinrich mit sanfter Festigkeit. „Die gegenseitigen Eröffnungen dieser Stunde sind ernst genug, um auch Ihnen eine Mittheilung zu machen, die ich bisher in mir verschloß deren vollste Bedeutung ich jahrelang nicht zu erfassen vermochte, und deren Sinn mir erst in diesem Momente vollkommen klar wird." „Du spannst meine Neugierde", sprach Robert, der offenbar Heinrichs Benehmen weit milder und nachsichtiger als Carl beurtheilte. „Also hören Sie . . dem edlen Gebrauche in unserer Familie folgend, wo der scheidende Vater stets seine Kinder an sein Sterbebett ruft, hatte auch mein seliger Vater mich und meinen Zwillingsbruder Gustav, zwei sechsjährige Knaben, vor seinem Scheiden zu sich rufen lassen. Gustav fürchtete sich vor der bleichen Gestalt, ich aber trat mit banger Ehrfurcht vor ihn hin . . noch jetzt lebt die Erinnerung in ungeschwächter Kraft in mir, unb dieser Moment steht als verkörpertes Gebilde vor meiner Seele. Mein Vater war bleich, seine dünne Stimme zitterte, in seinem milden blauen Auge schwammen Thränen: Meine Kinder, sprach er, ich folge Eurer edlen Mutter, sie war nnr ein Schutzgeist, ein gottgesandter Engel, mich zu trösten zu einer Zeit, da mein armes Herz vor Kummer brechen wollte. . . Seid fromm, redlich und gerecht, haltet fest am Judenthum . . an der schriftlichen und an der mündlichen Überlieferung, mit gleicher Treue und Unwandelbarkeit . . . Heinrich, mögen Deine Söhne Dir es einst nach späten Jahren bei Deinem Scheiden, eben so versprechen . . Gehorche Deinem Oheim Robert, der Dein Vormund ist, und nun, mein armer Heinrich, Du wirst älter werden . . merke Dir die Worte . . die Dein zarter, kindlicher Sinn jetzt wohl nicht versteht . . wenn Du einst für's Leben wählst, wähle nur nach Deinem Herzen, lasse Dich durch Niemand abhalten, der Stimme Deines Herzens zu folgen. . . denn..." — seine Stimme ging in ein leises Murmeln über, ich lauschte vergebens . . ich verstand ihn nicht mehr. Plötzlich erhob er sich, frug nach Gustav, legte dann segnend seine Hände auf mein Haupt, sprach mit erlöschender Stimme den Priestersegen . . bei den Worten: Gott gebe Dir den Frieden . . versuchte er es mit seinen Lippen mein Lockenhaupt zu berühren. Ihr beide tratet nun ein, mir schiens, als wollte er noch mit einem Augenaufschlag, mit einem matten Lächeln von Euch Abschied nehmen, für immer — dann sank er um . . ein leichter kurzer Todeskampf .. und mein theurer Vater war nicht mehr!" Robert hatte die kurze ergreifende Schilderung mit dem gespanntesten Interesse angehört, ein tiefer schmerzlicher Seufzer entrang sich seiner Brust. „Rein, mein Heinrich", rief er dann überlaut, „wähle Du nach Deinem Herzen, laß Dich von keiner Rücksicht bestimmen; wähle mit Bedacht, mit Ueberlegung, aber folge der Stimme Deines Herzens. „Haus Ebers" wird, so Gott es will, denn doch bestehen . . . Gott kann helfen!" Ein leises ehrerbietiges Klopfen an der Thüre unterbrach ihn. Ein Diener überbrachte Heinrich eine Depesche. Dieser erbrach sie und durchflog sie rasch, eine lebhafte Rothe überzog sein Gesicht. (Fortsetzung folgt.) Hierzn zwei Beilagen. verantwortliche Redaktion: Dr. 2ef)mann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. GottSleben'S Buchdrucker« (Mainzer Anzeiger).