Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 29 (21.7.1875)
- Date
- 1875-07-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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649 Projekte in dem von ihm geplanten Umfange zur Geltung zu bringen. Von da reiste ich nach TemesvLr. Diese Festung-Stadt legt sich in übertriebener Bescheidenheit den Namen „Klein Wien" bei. Was jedoch die Israeliten daselbst betrifft, muß man ausrufen: auch eine schöne Gegend! Diinnerstädtische Gemeinde ist congreßlich, die Josefstädter orthodox und die Fabrikstädter — Statusquo! Alle drei zusammen haben noch keine Lebenskraft, auch einen halbwegs existenzfähigen Organismus zu ülden. Rabbiner Dr. Hirschfeld, Bruder des frühem Augsburger Rabbiners, wurde ausTemesvar von allen drei Parteien förmlich davon gejagt. Gegenwärtig ist derselbe Börsianer in Wien. Der „Krach" dürfte ihn nicht gänzlich ruinirt haben; Augenzeugen haben mir versichert, er besitze noch die Mittel, Samstag auf der Börse öffentlich eine Cigarre zu schmauchen. Wäre der Mann noch in Temesvar, er würde wahrscheinlich in derselben Stunde seine Lippen nicht durch eine brennende Cigarre entweihen, da er ja auf der Kanzel stünde, um in Erfüllung seiner hohen vriesterlichen Aufgabe seinem Auditorium die Heiligkeit des Sabbats einzuschärfen. Diese Temesvärer! Sie ragen es auf dem Gewissen, den ehrwürdigen Herrn auf solch abschüssige Bahn gedrängt zu laben! . . Indem ich nun meine Reiseskizzen abschließe, söffe ich doch, daß ich mit meinen Bemerkungen Niemanden verletzt habe, mindestens war eine Abicht hiezu gewiß nicht vorhanden. Mein Streben var blos der Wahrheit zum Ausdrucke zu verhelfen. Die Wahrheit kann wohl überzuckert werden; doch sie selbst hat einen recht bitteren Geschmack. Hiefür jedoch fällt die Verantwortlichkeit nicht auf mich, sondern auf die — Wahrheit! * * * Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Oe st e r r. - U n g a r. Monarchie. Wien. Hiesige Zeitungen berichten über den verstorbenen Kaiser Ferdinand folgende Geschichte: Es war im Jahre 1819, als Ferdinand (welcher damals noch Kronprinz war) mit dem Fürsten Dietrichstein nach Nikolsburg gekommen war. — twn Mittags ließ Kronprinz Ferdinand dem Vorsteher der Nikolsöurger israelitischen Gemeinde sagen, daß er um 3 Uhr Nachmittags in den jüdischen Tempel kommen werde. Natürlich var um 3 Uhr Alles vor der Synagoge versamnelt, um den Kronprinzen zu empfangen. Ferdinand var aber nicht so pünktlich, wie Kaiser Franz Joseph es ist, es wurde 3, es wurde 4 Uhr und der Kronprinz Ferdinand war noch immer nicht gekommen. Da sagte der damalige Nikolsburger Ober¬ und Landesrabbiner y'srr ü’J3 ra-no Meine Herren! Wenn wir noch lange warten, werden wir nmo pT -Giy sein! Und man mußte somit mit dem Mincha-Gebete beginnen. Inmitten des Gebetes erschien plötzlich der Kronprinz in Begleitung des Fürsten; der Vorsteher eilte ihnen gleich entgegen, führte sie hinauf aus den obersten Sitz und ließ dem Rabbiner sagen, er möge den Kronprinzen begrüßen. Der Oberrabbiner wollte aber sein Gebet nicht unterbrechen, und bis er mit dem Gebete fertig war, war bereits Stunde verstrichen; der Fürst war schon ungeduldig, aber Ferdinand ermahnte ihn zum Warten. . Als der Rabbiner das Mincha-Gebet beendet, ging er zum Kronprinzen, machte den Segensspruch crn iwzb nosop^rwunb bat ihn um Verzeihung, da er früher seine Audienz vor dem Könige aller Könige beenden mußte. Es entspann sich nun folgendes Zwiegespräch: Der Rabbiner: „Kaiserliche Hoheit, heute haben wir Neujahrstag, wir beten zu Gott, nicht blos für uns, sondern für alle Völker, damit nur die Gerechtigkeit zur Herrschaft gelange!" Der Kronprinz: „..Und sicher' beteten Sie auch, daß der Messias (rrs?o) bald kommen möge."" Der Rabbiner: „Hoheit! Unser Messias ist ein weiser, gerechter und gütiger Monarch. Unsere Propheten haben auch den persischen König Cyrus Messias geheißen, weil er diese Eigenschaften hatte!" Der Kronprinz: „„Mein lieber Rabbiner, da ist dann sehr schwer ein Messias zu werden, weil man weise, gerecht und gütig fein muß; nicht jeder Monarch kann diese drei Eigenschaften besitzen."" Der Rabbiner: „Kaiser Joseph war ein weiser Kaiser, Franz ist ein gerechter und so werden Sie ein gütiger Monarch sein!" Da stand Ferdinand begeistert auf und sagte: „„Bravo, mein lieber Rabbiner, ich werde mich bemühen, wenigstens die dritte gute Eigenschaft vom Messias zu erlangen!"" Der Rabbiner: „Dann werden Sie auch der älteste Monarch des Hauses Habsburg werden!" Als man nun im Jahre 48 dem Kaiser Ferdinand den Namen des Gütigen beilegte, da sagten die Nikolsburger Israeliten: „das ist nichi zu verwundern, hat er's doch unserem „großen Landraw" versprochen!" Kaiser Ferdinand, der Gütige, hat sein Versprechen gehalten, und auch die Verheißung des „großen Landraw" ist in Erfüllung gegangen, da Ferdinand das hohe Alter von 92 Jahren erreichte.