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Der Israelit · 1875-07-21 · Heft 29 (21.7.1875) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
16 (1875)
Issue
Heft 29 (21.7.1875)
Date
1875-07-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
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647 Statut nimmer zu einem einheitlichen Gebilde mit harmonischer Lebensthätigkeit gestalten. Statuten bilden immer eine Art Prokrustesbett, in welches zwei nach Form und Gestalt weitverschiedene Parteien sich nicht hineinzwängen lassen, und da heutzutage sich Niemand den Luxus einer Gliederverstümmelung gönnen möchte, so müssen eben die Wände des schmalen Bettes — die Bestimmungen der Statuten — zum Opfer fallen. Das hat das Schiedsgericht in seiner Friedensliebe übersehen und hat mit seinen Bemühungen denn auch nur das Eine erzielt: früher hatte Miskolz eine neologe und eine orthodoxe Gemeinde; jetzt hat Miskolz weder eine neologe noch eine orthodoxe, noch eine überhaupt wie immer geartete lebensfähige Gemeinde. Es herrscht da ein Chaos, das trotz der dichten Finsterniß nur zu sehr in die Augen fällt. Die nächste Station war Ungvär, wo eine wahrhaft jüdische und sehr namhafte Gemeinde blüht. Ungvär, seit je der Sitz von Geonim, steht auch gegenwärtig unter der Leitung einer vorzüglichen Capacität auf dem Gebiete rabbinischer Gelehrsamkeit. Auch eine bedeutende Jeschiwah ist hier in stetem Wachsthume begriffen. Einen fast komischen Eindruck macht hier die einzige Reformgemeinde mit ihrem Prediger! Gering an Zahl, noch geringer aber an Intelligenz — fristet dieselbe gleichsam nur die Existenz einer Eintags- Fliege. Uebrigens schadet so ein Stückchen Congreßgemeinde durchaus nicht; sie bildet immerhin eine Art Ferment, um in den alten orth. Gemeinden die Lebensgeister zu neuer Thätigkeit zu erwecken. Von Ungvär kam ich immer näher demchassidäischen Rayon. In MunkacS hatte ich das erste Mal das Glück, mit jenen eigenthümlichen Jehudim in nähere Berührung zu treten, von denen ich bisher nur aus Beschreibungen ein wenig klares Bild mir verschaffte. In ihrer Kleidung unterscheiden sie sich wenig von unseren sonstigen Glaubensgenossen in Nordungarn und Galizien. Blos ihre religiöse Lebensweise bildet viel des Eigenartigen. Der häufige Gebrauch des rituellen BadeS bildet beim Chafsid einen integrirenden Theil seiner religiösen Uebungen. Aber auch das Tabakrauchen sucht der wirkliche Chassid zu einem gottesdienstlichen Acte zu erheben. Am liebsten raucht er seine „Lilke" (offene Pfeife mit langem Rohre) unmittelbar vor dem Gebete. Er sieht es mit vielem Ernste und tiefem Entzücken zu, wie der Rauch in die Luft lustig sich emporkräuselt. Er vergeistigt sich diese Tändelei, als würde er hierdurch das „Ketoreth" ersetzen. Der Jahrzeitstag bildet für den Chaßid keinen „Taanith". Er läßt Branntwein holen, regalirt hiermit Alle, die beim Morgen - Gebete anwesend waren, indem er das einen „Tikun" nennt. Aus dem ist zu ersehen, daß der Chaßid von einer recht heiteren Lebensanschauung getragen wird. Er lernt wenig, fastet noch weniger, aber sein ganzes Leben bildet einen ununterbrochenen Gottesdienst. Der Chaßid hat eben viel Phantasie und in seinem Geiste gestaltet sich Alles zu einem heitern Gebilde. Und dieser Beweglichkeit in seiner ganzen Naturanlage ist es zuzuschreiben, wenn der Chaßid über diese oder jene Bestimmung des Schulchan - Nruch, die ihm eben nicht gar wichtig erscheint, mit Leichtigkeit sich hinwegsetzt. Um seinen Lokalrabbiner kümmert derselbe sich wenig; er betrachtet das officielle Rabbinat überhaupt bloß als eine von Staatswegen eingeführte Institution. Sein religiöses Oberhaupt ist denn auch nicht der Local- Rabbiner, sondern der „Rebbe", mit dem er in ununterbrochener Fühlung steht. In Ungarn existirt gegenwärtig kein einziger „Rebbe", der sich eines ausgedehnten Anhanges erfreut. Der vor etwa einem Jahre verstorbene Oberrabbiner zuO.-Lißka errang sich wohl in chassidäischen Kreisen eine ziemliche Reputation, doch war sein Erfolg kein durchschlagender. Die magyarischen Chaßidim lieben es einmal, ihre Oberhäupter auf galizischem Boden zu suchen. Gegenwärtig jedoch werden nach dieser Richtung zwei Männer von der jüd.-orthod. Kanzlei poussirt: der Rabbiner zu Tiska-Füred und der Rabbiner zu H. - Dorogh. Ersterer ist noch recht jung, doch soll sich auch sein seliger Vater bereits mit diesem Vorhaben herumgetragen haben. Letzterer ist ein alter Herr und junger Rabbiner. Er war nämlich viele Jahre hindurch praktischer Kaufmann und widmete sich erst vor Kurzem dem Rabbiner-Berufe, dem er jedoch vermöge seiner eminenten talmudischen Studien, trotz seiner chassidäischen Neigungen, vollkommen gewachsen ist. Als ich in MunkäcS war, entbrannte eben ein heftiger Conflict zwischen den Chaßidim und dem dortigen Oberrabbiner. Und die feurigen Herren unterließen es nicht, ihrem Unwillen einen ebenso drastischen als kräftigen Ausdruck zu geben. Sie ergriffen uämlich ei« von ihrem Rabbiner verfaßtes und herausgegebenes Werk, rissen aus demselben die „Haßkamoth^ und schleuderten es sodann aus dem Beth-Hamidrasch. Als ich später einem „Chaßid im Fracke" hierüber mein Erstaunen zn erkennen gab, sagte er mir beschwichtigend: „ES dürfte Ihnen, mein Herr, wohl bekannt sein, daß in erwähntem Szefer häufig gegen den „Noda- Bijehuda" und „Chatam Szofer" polemistrt wird. Nicht die Munkacser Chaßidim haben mithin jenes

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