Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 27 (7.7.1875)
- Date
- 1875-07-07
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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614 Bleichröder steht als dessen Auftraggeber wieder C. M. v. Rothschild in Frankfurt, aber Bleichröder bleibt der Held der Komödie, wenn er auch nur hinter den Coulissen agirt. Er sieht und spricht den Reichskanzler, so oft er will, aber er vermeidet ein häufigeres Zusammenkommen, um nicht von sich reden zu machen. Der Herr Bleichröder wird uns als eine den Kanzler und die beiden Minister vollständig beherrschende Persönlichkeit vorgeführt: es fehlt nur noch, daß er auch der mächtigste Mann bei Hofe genannt wird, nach dessen Willen Kaiser und Prinzen sich richten. In dem 4. Artikel werden die angeblichen Sünden der „neudeutschen Wirtschaftspolitik" specialisirt und als solche das Actien-Gesetz von 1870, die Maß- und Gewichts- Reform, die Eisenbahn-Politik, die Münz-Reform und die „möglichst vollständige Verduftung der Milliarden" gebucht. Dann heißt es wörtlich weiter: „Aber nicht die Herren Bleichröder-Delbrück- Camphausen allein können dies Verdienst in Anspruch nehmen, sondern auch dem Reichstage und Landtage unter Führung der Herren Lasker-Bamberger und unterstützt durch die Herren Oppenheim- Miquel-v. Kardorp, muß sein Antheil an diesem Verdienste vindicirt werden. Die Krone und das Hauptstück der Milliarden-Verduftung ist jedenfalls der berühmte „Jnvaliden-Fonds". Trotz der besten und feinsten Finanz-Politik im Sinne unserer Börs. n-Herrschaft wäre nämlich, Ende aller Enden, von den Milliarden immer noch ein Klumpen von etwa 200 Millionen Thaler übrig geblieben, mit welchem man schlechterdings genöthigt gewesen wäre, etwas Nützliches zu leisten, ohne die jüdischen Bank-Geschäfte in Anspruch zu nehmen. Da machte Herr v. Bleichröder die seltene Entdeckung des sich selbst auszehrenden Jnvaliden-Fonds! Daß der Reichstag dieser Krönung unseres Finanz-Gebäudes ohne irgend erheblichen Widerspruch seine Zustimmung ertheilte, ist einer der unanfechtbarsten Beweise für den Beruf unserer Zeit zur Gesetzgebung. Lagt, not 1ea8t heben wir unter den großen finanzwirthschaftlichen Gesetzen der Aera Bleichröder- Delbrück-Camphausen noch die Schöpfung jener großen privilegirten Central-Actien- Bank ' hervor, welche Reichsbank genannt werden soll, und deren Aufgabe es ist, die Beherrschung des deutschen Schuldenwesens noch mehr als bisher in den Händen der'mächtigsten unserer Banquiers zu concentriren. Unsere beiden israelitischen Mitbürger Bamberger und Laster haben sich im Reichstage um das Zustandekommen dieses Instituts die hervorragendsten Verdienste erworben. Ihrer Führung hat sich die Nation in dieser enorm wichtigen Frage mit unbegrenztem Vertrauen hingegeben, nachdem die von ihnen und ihren Glaubensgenossen inspirirte und regierte sogenannte „nationalliberale" Presse bereits lange vorher beharrlich Alles todtgeschwiegen hatte, was im Publikum zu gesunder Aufklärung der betreffenden Verhältnisse hätte führen können. Bank-, Actien- und Börsen-Privilegien sind, wie die Sachen faktisch liegen, Juden- Privilegien. Sie werden daher von der jüdischen Presse, den jüdischen Gelehrten nnd den jüdischen Volks-Vertretern mit allen Kräften geschützt und gefördert." Wie man sieht, ist der christlich germanische Haß gegen Juden und Judenthum das Alpha und Omega dieser sachlich nicht allzu gut motivirten Polemik. Frankfurt <*. M. Prinz und Prinzessin Karl von Preußen, die sich zur Kur in Wiesbaden befinden, hatten sich am 24. Juni bei Freiherrn Karl v. Rothschild auf seiner reizenden Villa Günthersburg bei Bornheim zum Essen „ansagen" lassen. Frhr. v. Rothschild hatte eine glänzende Gesellschaft hierzu geladen und zeigte ihr seine großartigen Sammlungen. Auf der Günthersburg yat nämlich der Frhr. Karl v. Rothschild ein Mufeuftl errichten lassen, in welchem ein Theil seiner Kunstschätze eine würdige Aufstellung gefunden hat; namentlich die ausgezeichnete Bechersammlung von den Meistern der Renaissance in Italien und Deutschland, aus Silber getrieben, reich vergoldet und mit Juwelen und Perlen geziert, manche sogar inkrustirt. Das eigentliche Museum ist im Seitengemach von der großen Eingangshalle, wo Bronzestatuen und Gruppen aus allen Jahrhunderten mit antiken Marmorbüsten römischer Imperatoren ic. ausgestellt sind. Daran reiht sich eine reiche Sammlung von chinesischem, japanischem, persischem, sächsischem und Sevres-Porzellan, die, außer in Dresden, wohl nirgends mehr zu finden sein dürfte. Dazu gesellen sich in den verschiedenen Wohnräumen und Salons noch prachtvolle Marmorarbeiten aus verschiedenen Epochen; es sind in dieser Sammlung die Namen von Bernini, Canova, Thorwaldsen, Tenerani, Falconnet, Clodion und anderer Künstler hohen Ranges vertreten. Dazwischen bewundern wir eine Anzahl altchinesischer Email-Arbeiten (cloisonnet) aus dem kaiserlichen Sommerpalast in Peking; einer reichhaltigen Sammlung von Porphyrvasen gar nicht einmal zu gedenken. In zwei mächtigen Schränken von Ebenholz ist die in der Thai bewundernswerte Sammlung von silbergetriebenen Bechern, Pokalen und Humpen aufgestellt, welche schon beim ersten Anblick zeigt, daß sich der menschliche Geist von jeher hat angelegen sein lassen, das Trinken zu einer Kunst und einem sinnigen Cultus zu erheben. Wie es erhabene und humoristische Trink- und Weinlieder gibt, so hat sich