Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 27 (7.7.1875)
- Date
- 1875-07-07
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XVI. Jahrgang. Erste Leilagt M tlr. 27 des Israelit? Leitender Artikel. NkiscsKtzzcn aus Aagaru. IV. Berlin, 20. Juni. Die günstigen Eindrücke, welche die Verhältnisse in Raab'und Papa auf mich gemacht, mußten mir gleichsam als geistige Neisezehrung dienen für mehrere Tage, wahrend deren ich leider gar unerquicklichen Erscheinungen begegnete. So fand ich in Ko morn das Gegentheil dessen, was ich erwartete. Bor noch nicht gar langer Zeit der Sitz eines Gaon, unter dessen Leitung eine recht namhafte Jefchiwah blühte: herrscht daselbst ein starrer Jndifferentismus auf jüdisch-religiösem Gebiete, wie er deprimirender gar nicht gedacht werden kann. Keine Orthodoxie, keine.Neologie, keine Thora, keine Chochmah . . . nichts, gar nichts ist da, das den Geist beleben oder auch nur leise anregen soll. Ein Herr Schnitzer fungirt als Rabbinatsverweser und Prediger. Diese früher lebensfrische Gemeinde bildet nunmehr eine geistige Sahara, aus deren Atmosphäre ich mit möglichster Schnelligkeit hinauseilte, um wieder frei aufathmen zu können. Die nächste Station war Veßprim. Auch hier wollte ich das Gemeindeleben einer ernsten Betrachtung unterziehen. Allein wo ist denn da das Gemeindeleben? Mache Jemand Reflexionen, wo es hiezu an jedem Substrat gebricht! Auch da mußte ich ausrufen: nny bip pw mtaa nuy t>ip p« nte^n! Keine Stimme des Triumphes, keine Stimme des Unterliegens machte sich wahrnehmbar. Eine todesähnliche Stagnation drückt dieser Gemeinde die traurige Signatur auf. Herr Abraham Hochmuth, ein sonst wissenschaftlich gebildeter Mann, ist Rabbiner dieser Gemeinde. Der gute Herr ist aber in dem Maße indifferent, daß der Vorstand ihm vor einigen Jahren kündigte. Als die Angelegenheit vor die Behörde gelangte, gab der Vorstand das Motiv zu Protokoll: „Der Rabbiner entfalte weder auf religiösem, noch auf pädagogischem Gebiete irgend eine nennenswerthe Thätigkeit; der Herr Rabbiner sei demgemäß bloß ein Luxusartikel, während die Gemeinde nicht in der günstigen Lage sich befinde, um sich einen solch' kostspieligen Luxus erlauben zu dürfen/ . . Thatfache ist's aber, daß Herr H. wirklich kein Bedürfniß befriedigt; es eignet sich derselbe aber eben so wenig als Luxusartikel, weil es ihm an jener Verve gebricht, deren sich viele unserer Reformprediger in Deutschland mit leider nur zu großem Erfolge als wirksame Handhabe bedienen. Um als Prediger zu wirken, muß man mindestens etwas Gemüth haben. Herr H. jedoch ist ein trockener Prosaist, dessen Vortrage jeder höhere Schwung, jeder poetische Schmelz entschieden abgeht. In Ungarn ist soeben die Luxussteuer eingeführt worden. Es wäre indcß die Einführung einer Progressiv- Luxusstcuer sehr empfehlenswerth für Luxusartikel, die wohl kostspielig sind, ohne jedoch zum Luxus sich zu eignen. Eine Oase! Abseiten von Veßprim liegt Here n d. Ein kleiner Ort wohl, der sich trotzdem eine europäische Reputation errungen. Der Name des Industriellen, Mociz v. Fischer, der hier seine Porzellan-Fabrik leitet, ist wohl auch den gesch. Lesern d. Bl. geläufig. Der alte Herr entwickelt noch heute eine nachgerade ungewöhnliche Thätigkeit. Möge ihn der Allgütige noch viele freudvolle Jahre gesund erhalten. Sehr angenehm gestaltete sich mir der Verkehr mit seinem Sohne, Herrn Leo v. Fischer, einem feingebildeten Weltmanne von jüdischer Gesinnungstüchtigkeit. Herr Leo v. Fischer ist auch Mitglied der jüd.-orthod. Durchführungscommission. Seine Ueberzeugungstreue bewahrte derselbe auch unter den widerwärtigsten Umständen auf's Glänzendste. Herr Leo v. Fischer scheut kein Opfer, um die Sache der orthod. Judenheit nach bestem Wissen und Gewissen zu fördern. Bon Herend fuhr ich nach dem nahen Stuhlweißenburg, wo feit zwei Decennien die Trennung zur Thatsache geworden. Die neologe Gemeinde ist daselbst im Niedergange begriffen. Ihr erster Rabbiner, vr. Zipfer, war mindestens ein Mann von umfassender Gelehrsamkeit. Doch fand derselbe wenig Anklang. Die orthodoxe Gemeinde perhorrescirte in ihm mit Recht den Reformer, während die neologe Gemeinde ja unwissend war, um in ihm, der kaum ein mittelmäßiger Kanzelredner gewesen, den ernsten Kritiker und Forscher zu würdigen. Sein Nachfolger, Dr. Ko Hut, ein Breslauer Seminarist, hat seine Kräfte in der Bekämpfung der orthod. Gemeinde erschöpft, und als sein agressives Vorgehen mißlang, übersiedelte er