Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 27 (7.7.1875)
- Date
- 1875-07-07
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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604 Löwenstamm legte seine Hände wie segnend auf mein Haupt. „Die Frist, die mir zur Unterredung mit dem Gefangenen gestattet worden, war zu Ende, der Schließer machte mich hierauf aufmerksam. Ich schied von Löwenstamm... Was hätte er mir, was hätte ich ihm noch sagen können!? „Besinnungslos schwankte ich nach meiner Wohnung. Ich befand mich, wie Sie sich denken können, in der ungeheuersten Aufregung. Mein Herz war des Schmerzes übervoll, mein Kopf war wüst, mein ganzes Dasein ward mir öde und leer — mein würdiger Freund Löwenstamm unschuldig im Kerker, in Schmach und Elend! — Susanne verloren für immer! — Ich glaubte wahnwitzig zu werden . . mit aller Manneskraft versuchte ich gegen den überwältigenden Schmerz, der mein ganzes Sein mit übermächtiger Gewalt gefangen hielt, anzukämpfen — vergebliches Bemühen! ich wäre unterlegen . . da sandte mir Gott in seiner unendlichen Erbarmungsfülle einen rettenden Mahner . . ich fand einen Brief von Ihnen vor. Ich hatte in wohl berechtigter Aufregung vergessen, daß dieser für mein Leben entscheidende Tag mein Geburtstag gewesen, daß ich fünfundzwanzig Jahre alt geworden war. Sie. Franke, hatten diesen Tag nie vorübergehen lassen, ohne mich durch irgend eine Aufmerksamkeit zu erfreuen. Sie allein im großväterlichen Hause hatten auch diesmal der Fernweilenden in Liebe gedacht. Zuerst mechanisch bloß der Gewohnheit folgend, öffnete ich Ihr Schreiben, ich überflog es zuerst flüchtig, gedankenlos . . aber plötzlich fühlte ich mich unendlich ergriffen. Sie wünschten mir zuerst in herzlichen Worten Glück für meine Zukunft, dann gemahnten sie mich in wenigen, einfachen und doch mächtig zündenden Worten an meine Pflicht. . . . Sie gemahnten mich an meinen in Gott ruhenden Vater, der mir nach der schönen, in unserer Familie üblichen Gepflogenheit, noch sterbend aufgetragen, in der Erfüllung meiner Pflichten, in Pflicht und Glaubenstreue den Beruf, den Zweck meines Lebens zu erkennen. Mit einfachen und wohl darum doppelt beredten Worten schilderten Sie den Kreis meiner Pflichten. Wie ein Blitz durchzuckte mich der Gedanke, mich erweckend und neu belebend. Mein Lebensglück war zerstört, unwiderbringbar verloren .. aber meiner Zukunft gestaltete sich Zweck und Beruf, ich konnte, ich mußte leben, — mein Gott — dann meine Mutter, meine Geschwister hatten Rechte an mich . . ich wollte ein würdiger Sohn meines Vaters werden . . . und glauben Sie es, Franke, nur das Bewußtsein treuer Pflichterfüllung hält mich aufrecht in dem nie endenden Kampfe mit der schmerzlichen Erinnerung!" Es war eine tiefe Pause heiligen Schweigens eingetreten. Franke versuchte es nicht mehr, seine Thränen, die über seine von Aufregung gerötheten Wangen Herabflossen, zurückzuhalten -- er kannte den Schmerz, der in Alfreds Seele brannte, den Kampf, den Alfred angedeutet, hatte auch er einst durchgekämpft. „Haft Du nicht versucht, etwas für Löwenstamm zu thun?" frug Franke endlich. „Es war mein Erstes, nachdem ich Fassung errungen, mich über diesen unglücklichen Prozeß genau zu unterrichten. Die Zeugen, die Umstände hatten merkwürdiger Weise gegen ihn gesprochen.. Er selbst hatte in völliger Apathie auf die Berufung verzichtet; es ließ sich für Löwenstamm nichts mehr thun." „Hast Du seit jener Zeit nichts von Susannen gehört?" „Von Susannen, der Gattin eines Andern!? — nein! . . ich habe seit jenem Tage nicht nach ihrer Spur geforscht." „Gott ist gerecht! Du mußt noch glücklich werden . . noch hier auf Erden glücklich werden." Alfred schüttelte wehmüthig das Haupt. „Glücklich konnte ich nur mit Susannen werden. Ich nehme Alles, was mir Gott gibt, dankbar an, ich danke ihm für jede Wohlthat, die er mir und den Meinen erweist, ich erfülle alle meine Pflichten unermüdet. . aber glücklich, . . glücklich, Franke, kann ich nie mehr werden . . . und nun, Franke, meinen herzlichsten Dank für Ihre Theilnahme, für Ihre Hilfe, ich kann Ihnen für Alles das nur mit einem Händedrucke danken, aber ich werde es nie vergessen" Alfred reichte Franke die Hand, dieser aber preßte den jungen Mann heftig an seine Brust, bedeckte sein Gesicht mit Küssen und rief mit überströmender jugendlicher Leidenschaftlichkeit: „Du wirst noch glücklich werden, Hajad haschem tikzor?!*) (Fortsetzung folgt.) *) Willst Du der Allmacht Gottes Grenzen setzen? Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Rourschen Hofbuchhandlung. I. GottSleben'S 8?uchdruckerci (Mainzer Anzeiger).