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Der Israelit · 1875-07-07 · Heft 27 (7.7.1875) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
16 (1875)
Issue
Heft 27 (7.7.1875)
Date
1875-07-07
Page
– (sequence 6)
Language
German
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602 Feuilleton. Hans Ldcrs. Erzählung von S. Kohn, Verfasser des „Gabriel". (Fortsetzung.) „Rathlos schied ich von der treuen Magd . . an wen sollte ich mich wenden, um zu erfahren, wo ich Susanne fände? . . . Plötzlich erleuchtete mich ein Gedanke. Löwenstamm war verurtheilt, ich konnte ihn nun sprechen. Ohne besondere Schwierigkeiten erlangte ich die Bewilligung hierzu. Am andern Tage Morgens betrat ich die Strafanstalt, in welcher Löwenstamm die ihm angeschuldigten Verbrechen abbüßen sollte. Ich mußte in die Kanzlei, um den erlangten Erlaubnißschein vorzuweisen, ein Schließer geleitete mich in die Zelle des Gefangenen. — O! Franke, ich werde zeitlebens — und würd' ich ewig leben, dieser Stunde gedenken! — Wir durchschritten mehrere Höfe, mehrere Gänge und gelangten endlich durch ein großes eisernes Thor in eine dunkle breite Halle, in welcher sich mehrere Thüren befanden, sie führten in die Zellen der Gefangenen. Vor einer derselben blieb der Kerkermeister stehen, hier ist Nummer hundertsieben, sprach er gleichmüthig. Ich befand mich in einem peinlichen Seelenzustande. Die innigste Theilnahme und die aufregendeste Spannung beherrschten mich in gleichem Maße. Ich zitterte wie Espenlaub. Der Kerkermeister schloß die Thüre, welche in ihren Angeln knarrte, auf, ich betrat die Schwelle — ein Modergeruch drang mir entgegen ... ich blieb wie versteinert stehen. Mein Auge mußte sich zuerst an das herrschende Halbdunkel gewöhnen. Der ganze, ziemlich große Raum, in dem sich vier Gefangene befanden, war, da nie ein Sonnenstrahl eindringen konnte, durch eine hoch an der Mauer befestigte Oellampe äußerst ungenügend erleuchtet." „Löwenstamm!" rief ich fast besinnungslos, „wo sind Sie? — muß ich Sie so Wiedersehen!?" „Da erhob sich langsam eine Gestalt und frug mit einer Stimme, so hohl, so gebrochen, so heiser, daß mir das Blut im Herzen vereiste, — wer ruft mich? Löwenstamm trat langsam näher, er hatte mich in dem ihm noch ungewohnten Halbdunkel nicht gleich erkannt . . ich konnte nicht sprechen, ich starrte ihn entsetzt an. Er hatte sich während der kurzen Zeit, während welcher ich ihn nicht gesehen, furchtbar verändert, er war um Jahrzehnte gealtert. Sein sonst frisches, gesund gefärbtes, wohlwollendes Gesicht war welk und aschgrau geworden . . . die Augen starrten glanzlos aus tiefen Höhlen, sein volles Haar, vor wenigen Monaten noch im dunkeln Braun glänzend, war gebleicht und fiel regellos und verwirrt nieder — feine große kräftige Gestalt war gebrochen — au seinen Händen und Füßen klirrten die Ketten. „Ah . . Alfred!" sprach er nach einer langen Pause, während welcher er mich erkannte, und das dürftige Lächeln, welches seine bleichen zuckenden Lippen umspielte, zerriß mein Herz — „Sie kommen zu mir, in meinen Kerker . . das ist schön, das würde mich zu Tbränen rühren, wenn ich noch weinen könnte . . ich dachte mich schon ganz verlassen; — ausgelöscht aus dem Buche der Menschen . . selbst meine Eleonore, mein Weib, das ich so treu geliebt, mein süßes Clärchen, mein Kind, mein eigen Kind . . sie haben sich von mir gewandt. . ich weiß nicht, wo sie sind, sie haben den Gatten, den Vater, den armen gebrochenen Menschen, ohne Trost und ohne Abschied verlassen . . . verlassen, da er in tiefstem Drangsal stirbt., ah!" „Ein inniges Mitgefühl, eine Theilnahme, wie ich sie früher nie geahnt hatte, erfaßte machtvoll mein Herz. Ich hatte für den Augenblick alles Andere, ich hatte den nächsten Zweck meiner Anwesenheit vergessen. Mit meinem Leben hätte ich gerne die grausame Pein, die namenlose Qual, die Löwenstamm litt, gemildert, ich stand versunken in seinem Schmerze, ich glaube, ich habe alles mitgefühlt, was er empfand." „Nur Susanne war mir treu geblieben, fuhr er dann träumerisch fort — nur Susanne, dieser Engel — und die mußt ich von mir schicken, um ihretwillen." „Susannens Name riß mich wieder mit Zaubermacht empor, ich wollte sprechen, ihn fragen, aber die iufreguna lähmte meine Zunge, — Löwenstamm bemerkte dies nicht. „Sie hatte Sie geliebt, Alfred, fuhr er dann leise fort, — o! unendlich geliebt, . . . wie ein Menschenherz nicht inniger lieben kann, ... ihr armes Herz erstarb in namenloser Sehnsucht nach Ihnen . . sie litt doppelt, dreifach, zehnfach . . . nimmer endend litt sie ... und da hätte die arme Verlassene eines Trösters bedurft... ja, heimführen . . heimführen als ihr Weib — das konnten Sie nicht, fügte er rasch wie entschuldigend bei — das sah ich ein .die Tochter eines Fälschers, eines Mordbrenners, eines Diebes! . . . . ich bin es nicht — aber man glaubt es . . . das

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