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Der Israelit · 1875-06-30 · Heft 26 (30.6.1875) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
16 (1875)
Issue
Heft 26 (30.6.1875)
Date
1875-06-30
Page
– (sequence 10)
Language
German
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582 ses Monats festgesetzt. Wer dieser Verfügung bis zum erwähnten Zeitpunkte nicht Genüge leistet — so lautete der Befehl der Finanzbehörden — soll des Trafikrechtes unwiderruflich verlustig werden. Durch Vermittelung der Durchführungscommission versuchten wohl zahlreiche Gemeinden, Len Minister zur Zurücknahme dieses Erlasses zu bewegen, ohne jedoch bisher ein greifbares Resultat erzielt zu haben. Glücklicherweise scheut man sich in maßgebenden Kreisen, die Angelegenheit auf die Spitze zu treiben und läßt die milde Praxis walten, daß die Juden vor ihren Geschäften eine kleine Bude errichten, die einem Christen übertragen wird behufs des Tabak- und Cigarrenverkaufs an Sabbat- und Feiertagen. Und doch genügt all' dies nicht. Die Angelegenheit muß schon deßhalb einer prineipiellen Entscheidung zugeführt werden, weil die jüdischen Trafikanten sonst der Discretion und der individuellen Laune der jeweiligen Finanzorgane preisgegeben blieben! Ich halte^ mich überzeugt, daß eine zähe Ausdauer von Seiten der Juden das Finanzministerium um so eher zum Zurückweichen veranlassen würde, als ein festes Beharren auf dem betretenen rigorosen Standpunkte dem Aerare eher zum Nach-, als zum Vortheile gereichen müßte. In Städten, wo doch auch christl. Trafikanten vorhanden, kann ja der Schließung der jüd. Trafiken an Sabbat- und Feiertagen dem Staate ohnehin kein erheblicher Schaden erwachsen. In den Dörfern hingegen, wo in der Regel nur jüdische Kaufläden existiren, würde der Staat durch eventuelle Entziehung des Trafikrechtes die ausschließlichen Vermittler lahmlegen, welche seine Waare den Consumenten zuführen. Der gegenwärtige Finanzminister Ungarns ist ein zu eminenter Rechenkünstler, um nicht herauszustnden, daß eine wöchentlich eintägige Geschäftsschließung denn doch einen mindern Schaden repräsentirt, als eine permanente. Man muß es eben darauf ankommen lassen, und wenn nur die Neologen mit ihrer laxen Beobachtung der religiösen Vorschriften die orthodoxen Zirkel nicht zerstören — dann ist der endliche Sieg auch gewiß. Die nächste Station war Papa. Auch hier herrscht unter den Israeliten der Dualismus. Die „Trennung" ist da mit durchschlagendem Erfolge durchgeführt worden. Die orthodoxe Gemeinde befindet sich im faktischen Besitze des Gesammtvermögens der früheren einheitlichen Gemeinde. Der fast noch jugendliche Präses des Cultusvorstandes, Herr Adolph Löwenstein, verbindet mit der liebenswürdigen Freundlichkeit die Energie der That in hohem Grade. Ihm zur Seite steht Herr Akiba Schreiber, Sohn des ehrwürdigen Oberrabbiners zu Krakau. In Papa erfreuen sich alle Gemeinde-Institutionen der herrlichsten Blüthe; die öffentliche Hauptschule ist eine wahre Muster- Anstalt, in welcher die Jugend nebst einem gründlichen Unterrichte in Talmud — auch einer zeitgemäßen Erziehung theilhaftig wird. Diese Gemeinde wäre vermöge ihrer numerischen Größe und ihrer hohen Intelligenz unstreitig berufen, eine Führerrolle in Ungarn zu übernehmen, hätte sie anders nicht das Unglück, seit einer Reihe von Jahren des Gotteswortes auf der Kanzel, des wirksamsten Motors einer jüd. Gemeinschaft, schmerzlich entbehren zu müssen. In der vorcongreßlichen Periode, wo die Gemeinde äußerlich noch eine einheitliche war, konnte man an die Wiederbesetzung des solange vakanten Rabbinats gar nicht denken. Wie sollte denn auch der Mann aussehen, zu dessen Gunsten die früher in einen Gemeindeverband eingezwängten heterogenen Elemente ihre Stimmen vereinigen können. Unter solchen ConsteLationen mußte jeder Versuch zur Lösung der Rabbinatsfrage als ein fruchtloses Experimentiren sich erweisen. Anders jedoch heute. Durch die erfolgte Ausscheidung der reformistischen Partei ist auch der früher von derselben geübte Terrorismus geschwunden, und ist die jüd.-orth. Gemeinde denn auch nunmehr in der Lage, auch betreffs der Rabbinenfrage die Aktionsfreiheit in vollem Umfange sich zu wahren. Daß die Wiederbesetzung des Rabbinatspostens in Papa trotzdem noch immer zu den „frommen Wünschen" gehört, ist eine Erscheinung, die alle Beachtung und eine möglichst ernste Würdigung verdient. Papa wünscht nämlich einen Mann von ausgedehntem rabbinischen Wissen an die Spitze der religiösen Angelegenheiten zu berufen, der aber gleichzeitig auch eine eminente „Kanzelberedsamkeit" besäße. Leider gehören solche Männer in Ungarn zu den seltensten Erscheinungen. Warum? Nun. über diesen Capitel will ich diesmal nicht sprechen. Thatsache ist es, daß jene jüd.-orthod. Gemeinden Ungarns, welche in der synagogalen Mißhandlung der Grammatik keine gottgefällige That mehr erblicken, bei einer nothwendig gewordenen Neubesetzung ihrer Rabbinate in arger Verlegenheit sich befinden. Sie würden wohl gerne aus Deutschland ihre Rabbiner berufen, stünde diesem Streben der exclusive Charakter der Magyaren nicht entgegen, die hierin den Ausfluß einer unpatriotischen Germanisationssucht verdammen. Ich glaube indeß, daß ein ungarischer Rabbinatscandidat, der im Auslande seine Ausbildung genossen und des magyarischen Idiommächtig — in vorgeschrittenen jüd.-orth. Gemeinden wie Papa einen sehr dankbaren Wirkungskreis finden dürfte. — Doch genug für heute. * , *

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