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Der Israelit · 1875-06-30 · Heft 26 (30.6.1875) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
16 (1875)
Issue
Heft 26 (30.6.1875)
Date
1875-06-30
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XVI. Jahrgang. Erste Beilage;n Nr. 26 -es Israelit. Leitender Artikel. NeiWiM aus Ungar». m. Berlin, 13. Juni. Wozu mir denn Illusionen machen über den Eindruck, den der bisher erschienene Theil meiner „Reiseskizzen" hervorgerufen! Tief, zu tief habe ich den Finger in die klaffende Wunde gesteckt, als daß es mich befremden sollte, wenn zartbesaitete und feinfühlige Naturen vor dem Anblicke erzittern, den ich ihnen geboten. Leider war es unmöglich, auch ohne ein derartiges Verfahren auf die geeig^ neten Mittel hinzuweisen, die zur Heilung der mannigfachen und intensiven Uebel dienen könnten. Und deßhalb wird man es mir hoffentlich verzeihen. Ist es doch thöricht, dem Spiegel zu zürnen, der mit möglichster Treue unsere Gebrechen reflectirt. In der Ueberzeugung, daß eine wahrhaft orthodoxe Judenheit auch eine — gewiß nur unter aufrichtigstem Wohlwollen entsvrungene — herb e Kritik ertragen kann, sinde ich keine Veranlassung, meine Schilderungen in mildere Form zu gießen, da durch eine heuchlerische Concession dieser Art der eigentliche Zweck verloren ginge, den ich bei diesen flüchtigen Aufzeichnungen in's Auge faßte. Von Preßburg fuhr ich nach Raab. In dieser königl. Freistadt existiren zwei Gemeinden: eine orthodoxe und eine neologe. Gründer und Schöpfer der orthodoxen Gemeinde ist Herr A. M. König; ein Mann von erprobter Gesinnungstüchtigkeit, der trotz seines bedeutenden Reich- IhumS, seines ausgedehnten Geschäftskreises und seiner sehr geachteten socialen Stellung — dem überkommenen Väterglauben mit Leib und Seele unerschütterlich treu blieb. Diesem Manne gebührt auch das Verdienst, eine Principienfrage in Anregung gebracht zu haben, von deren günstiger Austragung zum Theil die Zukunft der jüd. Orthodoxie abhängt: die Transferirung des Wochenmarktes vom Sabbat auf einen anderen Tag. In Ungarn, wo der Handel gleichsam noch in den Kinderschuhen sich befindet, sollten die Behörden diesem Wunsche um so bereitwilliger entsprechen, als die aus religiösen Gründen erfolgende Theilnahmlosigkeit der Israeliten am Wochenmarkte eine gedeihliche Entfaltung des Verkehrs und des Handels nachgerade zur Unmöglichkeit macht. Der Bescheid des städtischen Magistrats in Raab lautete trotzdem ablehnend. Es bekundet dies eine beschränkte Kirchthurm-Politik, welche die Solidarität nicht erfaßt, die in der Wochenmarktfrage zwischen den Interessen der Israeliten und denen des allgemeinen Verkehrs obwaltet. Auf weit höherem Niveau bewegt sich das Gutachten der Oedenburger Handelskammer, welche eine Petition der Räaber orthodoxen Juden eben von national - ökonomischem Gesichtspunkte aus auf's Kräftigste unterstützte. Das Handelsministerium — resp. der auf volkswirthschaftlichem Gebiete als Autorität geltende Staatssecretair Eduard Horn — entschied sich denn auch für die angesuchte Verlegung des Raaber Wochenmarkles. Der Magistrat jedoch, der in der diesbezüglichen Jngerenz der Regierung eine flagrante Verletzung der municipalen Autonomie erblickte, remonstrirte gegen die ministerielle Entscheidung und blieb die Angelegenheit vorläufig in der Schwebe. Uebrigens gehört es zur bekannten Taktik der ungarischen Regierung, derartige Fragen knapp vor und während der Reichstagswahlen nicht zur Austragung gelangen zu lassen, um in gewissen Kreisen durch eine unzeitige Action keine Verstimmung zu provoziren, die doch nur der Opposition zugute käme. Hoffentlich wird die gegenwärtige, auf der Parteien - Fusion basirende und in Folge dessen auch recht starke Regierung Ungarns nach Ablauf der Wahlperiode den Muth wieder finden, begriffsstutzigen Munizipien die heilsame Lehre einzuscharfen, daß die Autonomie durchaus nicht den Zweck habe, magistratlichen Launen auch in dem Falle einen möglichst weiten Spielraum zu gewähren, wenn hiedurch die vitalsten Interessen des Handels und Verkehrs tiefe Schädigung erleiden müßten. Unter ganz gleichen Gesichtspunkt fällt eine andere Frage, welche die Integrität, vielleicht sogar den Fortbestand der ung. - jüd. Orhodoxie in gleichem Maße tangirt, als die eben besprochene Wochenmarkt-Angelegenheit. Der neue Finanz- Minister, Koloman v. SzLll, gab nämlich den ihm unterstehenden Finanzorganen die stricte Weisung, darauf zu achten, daß die Israeliten die Tabaktrafiken auch am Sabbat und an Feiertagen offen halten! Als Präklustvtermin behufs praktischer Durchführung dieses Erlasses wurde der Erste die-

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