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Der Israelit · 1875-06-30 · Heft 26 (30.6.1875) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
16 (1875)
Issue
Heft 26 (30.6.1875)
Date
1875-06-30
Page
– (sequence 8)
Language
German
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580 Sieben Monate war ich von ^^Hrau abwesend gewesen, und hatte während dieser ^Mr auch nicht schreiben können! — Ich hatte bei Weiner Ankunft meine Mutter krank gefunden, war ^dann selbst erkrankt; und so ruhte mein Geheimniß noch in meiner Brust. . . Ich beschloß nun vorerst nach Breslau zu gehen, wohin mich nun auch Geschäfte riefen, von dort aus wollte ich meiner Mutter schreiben, mir ihren Segen erbitten, mich in Breslau meiner Susanne vermählen, sie dann beim in das Haus meiner Mutter bringen; o! sehen, sehen konnte sie mein lieb Mütterchen nicht — aber den melodischen Klang ihrer himmlischen Stimme hören, ihre Lippen an ihre Marmorstirne drücken, ihre Arme um ihre wundervolle Gestalt schlingen, den nie zu erschöpfenden Schatz ihres tiefen Gemüthes, den nie versiegenden Quell ihres reichen Geistes kennen und schätzen lernen, das hätte sie gekonnt! ... es war ein schöner Traum, es war ein fürchterlich Erwachen! „Ich langte im August in Breslau an, mein erster Weg war zu Susannen . . ich fand Löwenstamm's Wohnung geschlossen. Der Hausmeister, den ich befrug, zuckte höhnisch die Achseln. Ich eilte zu meinen Geschäftsfreunden, ich erfuhr Schreckliches! — Kurz nach meiner Abreise war Löwenstamm des Diebstahls, der Fälschung und der Brandlegung angeklagt, und acht Tage vor meiner Ankunft dieser Verbrechen wegen zu zehnjähriger Zuchthausstrafe und zum Ersätze des Schadens und der Kosten verurtheilt worden . . . über das Schicksal seiner Familie wußte mir Niemand Auskunft zu ertheilen. „Löwenstamm war unschuldig, mußte unschuldig sein, mein Herz und mein Verstand sprachen es beide gleich laut. Löwenstamm, der biedere treue Mensch, der gläubige gottergebene Jude, der zärtliche Gatte, Susannens Vater konnte kein Verbrecher sein! Wo war Susanne?! sie hing an ihrem Vater mit der unendlichen Fülle ihres überströmenden Gefühles . . sie mußte Unsägliches erlitten haben! und ich — ich war ferne gewesen, war nicht an ihrer Seite gestanden, sie zu trösten! Vielleicht — fürchterlicher Geda' ke! — glaubte sie, ich hatte sie verlassen — ich mußte sie sprechen, mußte ihr sagen, daß ich sie mit ungeschwächter Kraft liebe, daß sie mein sei und mein bleiben müsse! — Ich ging nochmals nach Löwenstamms Wohnung. Ich versprach dem Weibe des Haus-; Meisters einer schlauen Alten, eine bedeutende Summe, wenn sie mir eine Spur von Susanne aufzufinden vermöchte. Nachmittags kam sie freudig zu mir und sagte, sie hätte einen Anhaltspunkt, sie habe die Wohnung Dina's, einer alten Magd Löwenstamms, erfahren, sie wolle mich zu dieser führen. — Dina war schon bei Löwenstamm's Geburt im Hause seiner Eltern gewesen, war nach deren Ableben in seine Dienste getreten, wo sie mit uneigennütziger Treue und Ergebenheit an ihm und seiner Familie hängend, bis zum Ausbruche dieser traurigen Katastrophe geblieben war. Als mich Dina erblickte, fing sie heftig zu weinen an. Das. was sie erzählte, klang sonderbar. Löwenstamm war — das mußte gleich nach meiner Abreise geschehen sein — auf das einige Meilen von Breslau entfernte Gut des Baron Graun, mit welchem er in langjähriger Geschäftsverbindung stand, und dessen volles Vertrauen er genoß, berufen worden, und mußte dort, behufs Abwickelung seiner Geschäfte, einige Tage verweilen. Während seiner Anwesenheit brach im Schlosse nächtlicher Weile Feuer aus, das rasch um sich griff. Löwenftamm, der auf dem andern Flügel des Schlosses schlief, war, so hatte er noch selbst erzählt, -ur Stelle des Brandes geeilt und hatte mit Lebensgefahr das Kind des Barons vom Flammentode errettet. Kurz darauf verbreitete sich das Gerücht, der Brand märe angelegt gewesen. Löwenstamms Angehörige verließen später die Wohnung, die sie bisher inne gehabt Hallen, und trennten sich. Seine Gattin reiste mit ihrer jüngeren Tochter ab, Tina wußte nicht wohin; Susanne wollte Unterkunft bei Verwandten suchen, Dina selbst war zu einer Landsmännin, einer armen Wittwe gezogen. — Vor einigen Tagen war Susanne am späten Abend zu Dina gekommen. Sie verlasse, hatte sie gesagt, auf den ausdrücklichen Wunsch und Befehl ihres Vaters, Breslau, und wolle nicht scheiden, ohne sich von dem einzigen treuen Herzen, das sie zurücklaffe, verabschiedet zu haben; dann hatte sie sie still weinend geküßt und wäre rasch davon geeilt. — Dina war ihr vor das Haus gefolgt, dort habe ein geschloffener Wagen Susanne erwartet. Diese hatte vor Aufregung nicht mehr sprechen können, hatte sich in den Wagen gesetzt und war fortgefahren. Dina war dem Wagen athemlos keuchend nachgeeilt, er fuhr zum Bahnhof; Susanne reiste mit dem Berliner Zuge ab, wohin? wußte Dina nicht, sie rieth nach Amerika.(Fortsetzung folgt.) Hierzu drei Beilagen. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. GolISleben'S Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).

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