Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 26 (30.6.1875)
- Date
- 1875-06-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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579 Franke schritt bewegt auf und ab, dann blieb er vor Alfred stehen. „Wer war das Mädchen? . . warum ward sie Dir untreu? Warum hattest Du rnir's nicht anvertraut?" brachte er mühselig aus heftig athmender Brust hervor. „Untreu?!" Susanne untreu?! nein!" rief Alfred heftig den Kopf schüttelnd. „JchwillJhnen Alles erzählen, würdiger Freund meines zu früh dahingeschiedenen Vaters . . . erlauben Sie nur, daß ich mich zuerst sammle, um meine Aufregung zu bekämpfen. . . Sie sind der Erste, dem ich mein Geheimniß erschließe. Die Erinnerung lebte ungeschwächt in meiner Brust, — in Worte hatte ich sie noch nie gekleidet. . . So hören Sie!" Franke setzte sich, rückte seinen Stuhl neben Alfred hin und ergriff seine Hand. Dieser begann anfangs langsam, dann stets bewegter und lebendiger. „Sie wissen es, ich mußte lange Zeit in Breslau, dem Hauptstapelplatze des schlesischen Wollhandels verweilen, und besorgte dort gegen eine mäßige Provision die großartigen Abschlüsse und Käufe für „Jonas Ebers", während ich kleinere, Partien für unsere eigene Rechnung anschaffen zu dürfen, mir ausdrücklich bedungen hatte. Ich machte die Bekanntschaft eines Maklers Hermann Löwenftamm, eines streng redlichen, treu bewährten Mannes. Er lud mich ein, ihn zu besuchen, und bald fühlte ich mich in dieser liebenswürdigen Far '^ie gefesselt. Löwenstamm's Gattin stand ihm vollkommen ebenbürtig zur Seite. Er hatte jahre- ",'.ng gezögert, bevor er eine Lebensgefährtin gewählt; — ihm hatte — so erzählte er uns einst im heiteren Familienkreise, stets ein Ideal vorgeschwebt . . eine günstige Schickung ließ ihn endlich ein solches Mädchen ausgestattet mit allen Gaben des Herzens, des Geistes und der Schönheit finden. Dieses, arm, hilflos, verlassen, allein in fremder Stadt nahm den Antrag des edlen Mannes, der ihr Schutz und Heimath bot, dankbar an, nachdem es ihm offen gestanden, daß es die Erinnerung an eine lautere heilige Liebe in seinem Herzen trüge. Sie schenkte ihrem Gatten nach einem Jahre eine Tochter, vier Jahre später die zweite.-— Schon bei der ersten Begegnung fühlte ich mich von seiner altern Tochter Susanne mächtig angezogen. O! Franke, Susanne war schön, wunderbar schön! Ihr Gesicht, ihre Gestalt, ihre Stimme, ihr ganzes Wesen war von einem unendlichen Liebesreiz zauberisch umwoben . . . wenn sie lachte — so recht schelmisch lachte.. da hätte Alles in mir aufjauchzen mögen vor unsäglichem Jubel.und wenn ihr schönes Auge wehmüthig blickte, La hätte ich tausend Thränen weinen mögem * ihr Herz, ihr Geist!" Alfred hielt einen Augenblick, in Erinnert, versunken, inne. ' „Ich liebte Susanne mit aller Kraft meines Lebens . . dem heiligen Gefühle der schüchternen Verehrung hatte sich bald auch der warme Herzschlag des lebensfrischen Jünglings beigesellt . . . und ich liebte sie mit der vollen Gluth meines Herzens. — Susanne erwiederte meine Neigung mit der ganzen Fülle ihres jungfräulichen Gemüthes. Löwenstamm freute sich, daß sich unsere Herzen gefunden. Er selbst, streng orthodoxer Jude, achtete mich auch wegen meines treuen Festhaltens an dem Glauben meiner Vater. Ich war selbstständig, meine Mutter, die ihren ältesten Sohn, der zugleich die Stütze ihres Hauses war, mit ganzer Seele liebte, hätte gewiß nichts einzuwenden gehabt — ich durfte hoffen, glücklich zu werden. Ich warb um Susannens Hand, Löwenstamm nahm meinen Antrag hocherfreut an, er rief seine Gattin, ich bat auch um ihre Einwilligung; sie lächelte glücklich. Nun denn, sprach sie, wenn es die Ihrigen gestatten, und wenn Sie in drei Monaten — es ist dies eine kurze Frist für Alles das, was uns zu thun bleibt — noch so denken, wie sie heute sprechen und denken — und ich zweifle nicht daran, daß es so sein wird — so mag Susanne als Ihre Hausfrau mit Ihnen ziehen. O! Franke! das war der schönste Au genblick meines freudearmen Lebens! Wieder mußte sich Alfred sammeln, bevor er fort fahren konnte. „Dem lichten Momente folgte sofort ein schwarzer Schatten . . ich kam wonneberauscht in meine Wohnung, und fand eine telegraphische Depesche, die mir meldete, meine Mutter sei schwer erkrankt, sie verlange sehnsüchtig nach ihrem Sohne, — Sie wissen es, Franke, wie ich meine Mutter liebe. Ohne meinen Anzug zu wechseln, ohne mich von Susannen zu verabschieden, fuhr ich, um den ersten Zug zu benützen, sogleich zum Bahnhofe . . ich eilte heim. . ich fand die gute Mutter mit dem Todesengel ringend . . acht volle Wochen saß ich fast ununterbrochen Tag und Nacht an ihrem Bette . . endlich wich der Todesengel — aber meine Mutter hatte ihr Augenlicht verloren, sie war erblindet! Die ungeheure Anstrengung, der ich mich unterzogen, vereint mit der aufreibenden Spannung und der wechselvollen Aufregung, warf mich auf's Krankenlager, — das erstemal in meinem Leben — aber es war eine langwährende, hartnäckige Krankheit. Erst nach fünf Monaten genas