Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 26 (30.6.1875)
- Date
- 1875-06-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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576 hoben worden ist. Uebrigens enthält besagtes Gesetz (§§ 53—57) Bestimmungen darüber. wie es gehalten werden solle, wenn innerhalb einer Synagogengemeinde Streitigkeiten über die inneren Cultuseinrichtungen, welche auf Bildung einer neuen Synagoge abzielen, entstehen, doch sind diese Bestimmungen, obschon es an Streitigkeiten nicht gefehlt, nie in's Leben getreten, weil die Minister früher schon den Regierungen Weisungen ertheilt hatten, welche die Berufung einer solchen Schlichtungs-Commission auszuschließen geeignet waren. Za Düsseldorf, l l. Juni. Der frühere Hilfsprediger an der Geiger'schen Synagoge zu Breslau, Herr Dr. A. Wedell, ist als „Rabbiner" der hiesigen Synagogengemeinde, wie wir bereits vor mehreren Lochen mitgetheilt haben, gewählt worden und hat am ersten Tag von cvyüsy feine Antrittsrede gehalten. Da die feit Jahren im Bau begriffene neue Synagoge auf der Kasernenstraße noch nicht vollendet ist, wird der Gottesdienst interimistisch in dem Tanz- und Concertlocal des Herrn Cürten auf der Bergerstraße abgehalten, und hatte sich diesmal ausnahmsweise eine ziemliche Anzahl von „Andächtigen" eingefunden — wozu freilich auch die angenehme Stimme eines neuen Cantors das Ihrige beigetragen haben wird. Ich verschone Sie mit der Wiedergabe der Predigt; nur so oid will ich eonsiatiren, daß Herr Dr. Wedell gegen den blinden „Autoritätsglauben" ganz fürchterlich zu Felde zog. Die erste Heldenthat des Herrn Wedell bestand darin, daß er eine neue „Gebetordnung" einführte. Mit absoluter Machtvollkommenheit strich er fast alle Piutim rc. Der Utas über die Abschaffung der alten Gebete wird dieser Tage, wie ich höre, an die Thüren des Cürten'schen Locales geheftet werden. Die großen Rabbinen, die hier gewirkt haben, wie z. B. nt"? 2^ rm.-p mn?nan p«un, die Doctoren Feilchenseld und Plato fühlen sich aus solche Weise für ihre rastlose Thätigkert belohnt!! Ein Machtspruch eines jungen unbekannten Reformdoctors genügt, um alte Traditionen über den Haufen zu rennen und die heiligen Ueberreste einer leidvollen, aber immerhin denkenswerthen Vergangenheit in die Rumpelkammer zu schleudern. Auch ein Zeichen der Zeit. Wie ich höre, soll in der neuen Synagoge auch ein „Harmonium" aufgestellt werden — ob aber dieser Umstand mehr zur Harmonie zwischen den hier bestehenden religiösen Parteien beitragen wird, kann füglich bezweifelt werden. * * * Wie man mir aus Cöln, meiner Nachbarstadt, schreibt, haben sich auf die durch den Tod des sel. Herrn Rabbiners Dr Israel Schwarz erledigte Rabbinatsftelle acht Candidaten gemeldet. Sechs haben bereits Probepredigten gehalten. Unter den Bewerbern ist auch einer, der im letzten Kriege als Feldprediger fungirte. Die Entscheidung des Vorstandes ist noch nicht getroffen. * * * Der Rabbiner von Breslau. Dr. Joel (gehört nicht zu den kleinen Propheten) hat ein Schriftchen veröffentlicht, welches unter dem Titel „Laskers Resolution, den Austritt aus der Synagogengemeinde betreffend, und ihre etwaige Folgen für das bevorstehende Judengesetz", dieser Tage das Licht der Welt erblickt hat. Herr Joel eifert gewaltig gegen unfern großen Glaubensgenossen Lasker und plaidirt mit fadenscheinigen Gründen gegen die Aufhebung des Judengesetzes — a la Philippson fürchtet er sich vor der Eventualität, daß gewisse Gemeinden den Luxus eines Reform- Rabbiners entbehren würden, wenn das Judengesetz vom Jahre 1847 aufgehoben werden möchte. Sehr köstlich sind die Abfertigungen, die dieser reaktionären Schrift in verschiedenen Aufsätzen (auch Leitartikeln) der „Breslauer Zeitung" — also auch hier gilt das Wort: nemo propüsta in patria! — zu Theil wurden. Hier einige Proben: ..Die Philister kommen über Dich, Simson", möchte man dem uralten, nach zweitausendjährigem Kampfe jetzt als Sieger dastehenden Judenthume zurufen, liest man in dem Schriftchen des Herrn Rabbiners Dr. Joel, daß nicht allein der Verfasser, sondern mit ihm alle (?) jüdischen Gemeindeverwaltungen in Preußen, die Hilfe des Staats gegen steuerverweigernde und austretendc Mitglieder herbeirufen. Eine Religionsgenossenschaft, namenlich die jüdische, muß, wenn sie lebensfähig fein soll, nur von solchen Mitgliedern geschloffen und getragen werden, die ein herzlich inniges Interesse an ihrem Bestände haben. Wer eine Sache nicht mit ihren Tugenden uns Fehlern liebt, der liebt sie überhaupt gar nicht. Drum fort mit Dem, der aus irgend einem Vorwände den Beitrag zur Erhaltung des Ganzen verweigert, denn ihm ist das begeisternde Interesse verloren gegangen an der großartigen Geschichte des Judenthums, seiner wunderbaren Erhaltung durch Jahrtausende barbarischer Verfolgung und seiner dadurch pragmatisirten Mission für die Zukunft. Wird deshalb das Judenthum untergehen? Wahrlich nicht: Als nach Schluß der Mendelssohn-Wessely'schen Periode in den 20er Jahren, in Berlin, Breslau, Königsberg, viele jüdische Familieu aus Ungeduld darüber, daß gewünschte Reformen von der Regierung unterdrückt wurden, der Taufe sich unterwarfen, da glaubte