Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 26 (30.6.1875)
- Date
- 1875-06-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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575 müssen wir die Religionslehren der längst untergegangenen Chamirischen Völker darlegen und sie mit den neuen Lehren der „Kinder unserer Zeit" vergleichen. (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten und Correfpondenzen. Deutschland. München, 21. Juni. Die Gemeindeverwaltung hat den Beschluß gefaßt, die Orqelbegleitung des Gottesdienstes einzuführen und gleichzeitig der orthodoxen Partei, welche bis jetzt thatsächlich getrennt ist, eine Synagoge auf Gemeindekosten zu erbauen. Wir gratuliren der orthodoxen Partei zu diesem glänzenden Erfolge und begrüßen es mit Freuden, daß die opferfreudige Hingebung der Gesetzestreuen in unserer Gemeinde, welche lange gegen eine ihrer Ueberzeugung widerstrebenden Richtung kämpften und eine gewisse Selbstständigkeit errungen hatten, nunmehr auch Seitens der Reformpartei gewürdiget wurde und dadurch der Friede erhalten bleibt. Wir unterlassen nicht, die orthodoxe Partei zur Energie bei der Realisirung dieser hochwichtigen Sache und besonders bei der Abfassung der Synagogal-Statuten zu ermuntern, denn selbstverständlich nur das in Thora, Talmud und den rabbinischen Codices überlieferte Religionsgesetz kann die Grundlage des orthodoxen Gottesdienstes bilden. Auch muß der von der Gemeindeverwaltung präcisirt gewählte Ausdruck „orthodox" stets unverändert verbleiben und darf nicht in „conservativ" umgewandelt werden, wie solches von gewisser Seite angestrebt wird. Günzenhausen (Bayern). Unsere Gemeinde hat leider durch einen Todesfall wieder einen schmerzlichen Verlust erlitten. Frau Mathilde Seemann, geborne Aster, Wittwe des vor nahezu drei Jahren dahier verstorbenen Kaufmanns Herrn Seligmann Wolf Ascher Seemann, dessen herrlicher wohlthätiger Stiftungen in diesen Blättern zur Zeit rühmend Erwähnung geschehen ist, folgte am Montag den 31. Mai d. I. ihrem Gatten in das bessere Jenseits. D«>r seit fünf Monaten durch Krankheit an das Zimmer gefesselten edlen Frau wurde von den behandelnden Aerzten als einziges Hilfsmittel, das der Patientin eine Erleichterung ihres Leidens und noch möglicherweise eine Verlängerung ihres Lebens bewirken könnte, die Vornahme einer Luftveränderung verordnet. Als der geeignetste Ort hiezu wurde von einem der berühmtesten Erlanger Universitätsprofessoren das Bad Soden bezeichnet. Der Bruder der Erkrankten, Herr Weinhäudler Adolf Aster von Mainz, unterzog sich der schwierigen Mission, j die geliebte Schwester auf ihren Wunsch in's Bad > zu begleiten, Beide hoffend, daß der Aufenthalt da- I selbst lindernd für ihr Leiden sein und eine Ver-; längerung ihres Lebens durch Gottes Hilfe zur i Folge haben werde. Aber im Rathe des Himmels war es anders beschieden. Nach dreitägigem Verweilen daselbst hauchte sie ihre reine Seele aus und ging ein in die Wohnung des ewigen Friedens. Ihrem früher geäußerten Wunsche entsprechend, einst an der Seite ihres Mannes bestattet zu werden, wurde ihre Leiche von Soden hiehergebracht und am Mittwoch den 2 Juni dem Schoße der Erde übergeben. Der Hingang dieser gottessürchtigen, biederen Frau, die sich nicht minder durch Klugheit, als durch wahre Frömmigkeit, Wohlthätigkeit und eine seltene Gastfreundlichkeit gegen Arm wie Reich auszeichnete, hat allenthalben die innigste Theilnahme erweckt, und Alle, die sie kannten und sich ihres einfachen, bescheidenen Auftretens erinnern, das ihr alle Herzen gewinnen mußte, werden ihr eine Thräne des Mitleids und das freundlichste Andenken nicht versagen können. Sie machte in der That eine rühmliche Ausnahme von vielen reichen Frauen. Eitlen Flitter liebte sie nicht; ihr Sinn trachtete nach höheren Gütern. Sie zog eS vor, Antheil zu nehmen an Freud und Leid Anderer, und erwies sich aufmerksam und freundlich gegen Jeden, der die Schwelle ihres Hauses betrat oder auch sonst mit ihr verkehrte. Hr. Rabb. Grünbaum von Ansbach schilderte das Lrben der Verewigten und ihr frommes, segensreiches Walten in eben so trefflicher als tief zu Herzen dringender Rede. Wenn auch mit dem Tode dieser edlen Frau der Name Seemann hier erloschen ist, so bleibt doch das Andenken an diese Familie durch ihre herrlichen Stiftungen für ewige Zeiten bewahrt. Möge die Heimgegangene in Frieden ruhen! Berlin, 22. Juni. Da» wie man hört, gegenwärtig die Vorbereitungen zu dem Gesetz über den Austritt des Israeliten aus ihren Synagogengemeinden (welcher Austritt nicht wie jetzt mit dem aus der Religionsgemeinde identisch ist) stattfinden, so ist es dringend angezeigt, darauf hinzuweisen, daß bei diesem Anlaste das für die alten Lande gegebenen Gesetz vom 23. Juli 184i in aller Form Rechtens aufgehoben werde, damit nicht einzelne Behörden sich noch auf die thatsächlich aufgehobene Gesetzesruine mehr berufen können, wie das neuerdings erst in Betreff von Unterrichtsangelegenheiten vorgekommen ist und hinterher gesagt wird, ein Gesetz gelte so lange, als es nicht gehörig aufge-