Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 26 (30.6.1875)
- Date
- 1875-06-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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574 gründet Babel und Niniveh. Ein anderer Sohn Chams, Mizrajim, ist der Begründer und Stammvater Egyptens. Kenaan, auch ein Sohn Cham's, ist der Vater von Sidon, der alten Hauptstadt Phöniciens. Wir sehen also, daß die Chamitische Cultur die älteste ist. Keine geschichtliche Urkunde meldet uns von einem Urzustände, von einem Nomanden-, Räuber- oder Jägerleben dieser Völker. Es scheint, daß die gewaltthätigen Söhne Cham's sofort nach der großen Fluth von den fruchtbarsten Gegenden der Erde, vom Thale des Nil, von den Niederungen am Euphrat und am Tigris, von den fruchtbaren Ebenen Norbafrika's und den östlichen Küsten des mittelländischen Meeres, Besitz genommen. Hier erzeugte der herrliche Boden ohne viel Bearbeitung den Ueberfluß, der die erste Bedingung eines Culturlebens ist; denn der unter schweren Mühen um das tägliche Brod, um die nothwendigsten Lebensbedürfnisse ringende Mensch hat nicht Muße für höhere Strebungen. Den Nachkommen Cham's verdankt die Menschheit die erste großartige Entwickelung des Ackerbaues. Zahlreiche griechische und römische Schriftsteller berichten uns von der Bedeutung des Ackerbaues bei den Carthagern, die bekanntlich Nachkommen der Phönizier waren. Als Carthago von den Römern zerstört wurde, überließen sie die dortigen Büchersammlungen den Afrikanern, während sie das große Werk Mago's über die Landwirihschaft nach Rom brachten, um es in's Lateinische übersetzen zu lassen. Auch wir besitzen in der heiligen Schrift — nach talmudischer Auffassung — ein merkwürdiges Zeugniß über die landwirthschaftliche Befähigung jener Völker. Im 36. Kapitel der Genesis, V. 20, werden die Chvri, die Ureinwohner von Sei'r, p«n „Bewohner der Erde" genannt; hierzu bemerkt der Talmud, Sabbat 85a: „Sind denn etwa die andern Menschen Bewohner des Himmels?" und beantwortet diese Frage dahln, daß der Ausdruck nichts Anderes als „Ackerbau-kundige Leute' bezeichnen will. Jene Völker verstanden vermittels des Geruchsinnes und des Geschmackes die Erdscholle zu prüfen und demgemäß den Boden rationell anzubauen. Es waren also mehr als ein Jahrtausend alte Überlieferungen, welche die Karthager verwerthetcn. Ebenso blühte die Landwirthschaft bei den Aegypten und Babyloniern. Mit dem rationellen Betriebe des Ackerbaues standen nun andere Künste und Wissenschaften in engster Verbindung: die Kunst des Feldmessens, zu der wiederum die Mathematik unentbehrlich, die Kunst, Wasserbauten und Canalisationen herzustellen und endlich die Astronomie. Die astronomische Kunde der Chaldäer, die mit der Religion derselben in engstem Zusammenhänge stand, wirkt noch heutigen Tages in manchen Beziehungen zu uns herüber; so die Bezeichnung der Wochentage nach der Sonne (Sonntag), dem Monde (Montag, ursprünglich Mondtag) und den Planeten: Dienstag, märäi, nach dem Planeten Mars, Mittwoch, rrwrorsdi, nach dem Planeten Mercur, Donnerstag, jeudi, nach dem Planeten Jupiter (Zeus, genetivus: Jovis), Freilag, vendredi, nach dem Planeten Venus, Samstag, sarnadl, deutlicher bei den Engländern: saturnda^, nach dem Planeten Saturn.*) Merkwürdig ist, wie sich das Judenthum von diesen dem Götzendienste entnommenen Namen freigehalten und, während es in der babylonischen Gefangenschaft die chaldäisch-persischen Monatsnamen angenommen, die Wochentage lediglich durch die Qronungszahl bezeichnete und noch heute bezeichnet roj£G Di’ rossa psw» Man sieht, wie ablehnend sich Israel gegen Alles zu verhalten wußte, was nur irgend ein mi moy pw, einen Anklang von Götzendienst hatte. Ein charakteristischer Zug der Chamitischen Völker ist die Gründung großer Städte, derart, daß der Name der Hauptstadt und des Staates fast immer gleichbedeutend war: Babylon, Niniweh, Sidon, Tyrus, Karthago. Auch diesen Umstand hebt die heilige Schrift hervor, indem sie das hohe Atter der Städte im heiligen Lande rühmt, c-i-c jys nrjaj U'W yiv pair, „Und Chebron war sieben Jahre früher erbaut als Zoan in Mizrajim." (4. B. M., C. 13 V. 23.) All diese großen Städte der Chamiten wurden schon in einer Zeit Pstegerinnen der Cultur, der Industrie, der Kunst, der Wissenschaft, als die Nachkommen Schemas und Japhet's noch ein unstetes Leben führten. Unsere geehrten Leser mögen nicht glauben, daß wir in diesen Auseinandersetzungen von unserm Thema abirren. Die Weltgeschichte, und namentlich die Culturgeschichtc schreitet nicht immer in gerader Linie vorwärts. Da gibt es ein schreiten im Zickzack, in krummen Linien, manchmal gar einen Kreislauf, der dem Ausgangspunkte wieder zustrebt. Einen solchen Kreislauf haben wir hier zu verzeichnen. Was die Gegenwart „welt-! erlöse-de Wissenschaft, Aufklärung, unendlichen , Fortschritt" nennt — das hat eine merkwürdige! Ähnlichkeit mit jenem längstüberwundenen Standj punkte Chamitischer Cultur, Religion und Sitten-! lehre. Um das Gesagte deutlich zu machen, i *) Die deutschen Namen der Wochentage haben fast dieselbe Bedeutung, nur daß theilweise die Namen germanischer Götter I substituirt sind. Dinst entspricht dem Mars, Donnerer dem! Jupiter und Freia der Dcnus.