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Der Israelit · 1875-06-02 · Heft 22 (2.6.1875) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
16 (1875)
Issue
Heft 22 (2.6.1875)
Date
1875-06-02
Page
– (sequence 11)
Language
German
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487 Horen, doch auch sie wußten nichts Bestimmtes. Trotz aller Nachforschungen, die diese in seinem früheren Wohnorte veranlaßten, koni-ten sie doch nichts erfahren. Ja die Neugierde trieb mich einst, als wir nach Mitternacht beim Chazoß saßen, und der Rabbi schmerzlich seufzte, und auch ich meinen Thranen keinen Einhalt thun konnte, so weit, daß ich ihn fragen wollte, warum er denn so tief traurig sei? Ich danke noch heute Gott, daß ich dies nicht gethan; der Rabbi hätte mir solch eine dreiste Frage wohl ire verziehen. Ich fügte mich nun wie's ging, gewöhnte mich an Liese Vorkommisse. So nun verging mehr als ein Jahr, ich fühlte mich glücklich in der Nähe meines Rabbi; freute mich, wenn ich ihn seinen Schmerz vergessen sah. weinte mit ihm, wenn ich ihn weinen sah. Eines Dages, eben hielt der Rabbi wie gewöhnlich seinen Schiur- Borliasi. brachte der Briefträger ein Schreiben an den Rabbi Es war schon an und für sich auffallend, daß der Briefträger die Schiurstube detrat, was doch noch nie geschehen, da die Rabbinerin die Briefe übernahm. Doch es mußte von Wichtigkeit sein, dieß Schreiben? denn ein dreimal unterstrichenes .Eigenhändig" war auf der Adresse ru sehen. Der Rabbi begab sich in's Nebengemach. Um aber einen Brief zn lesen benöthigt man keine zwei Stunden, und volle zwei Stunden blieb der Rabbi dort. Als er zurückgekehrt, erklärte er den Schiur für diesen Tag beendet. Sein Gesicht war bleich und seine Augen waren — offenbar vom Weinen — oeröthet. Nachdem meine Collegen sich entfeint hatten, ließ er sich in einen Sessel nieder. In sich selbst versunken, hinbrütend saß er da, und bemerkte gar nicht, daß auch ich im Zimmer weilte. Nach einigen Minuten sprang er auf, rieb sich die Stirne und fast schrie er: „Ja, er mag kommen!" Jetzt erst erblickte er mich und vielleicht nie im Leben habe ich einen so stieren Blick gesehen. Hastig griff er nach Papier und Feder, schrieb einige Zeilen, couvertirte sie und befahl mir das Schreiben augenblicklich zur Post zu tragen. Bevor er mir aber den Brief übergab, nahm er mir das Wort ab, daß ich die Adresse gewiß nicht beschaue. Wohl konnte ich meine Neugierde nicht bändigen uud immerfort rief es in mir: „Was kann nur Vorgehen?' Was haben diese Briefe zu bedeuten? Doch ich mußte mich ins Unvermeidliche fügen und ich warf auf die Adresse keinen Blick! Bonder Post zurückgekehrt, wurde ich zum Mittagessen gerufen, an dem der Rabbi jedoch nicht Theil nahm. Bis zum Minchagebete blieb er in seinem Zimmer und erst, nachdem sämmtliche Bachurim versammelt waren, kam er heraus. Der Nebenschiur wurde abgesagt und früher als gewöhnlich das Ma^riwgebet abgehalten. Wie immer weilte ich bis zum Nachtessen beim Rabbi. Ich nahm die Gemara zur Hand, mit dem Borsatz alles Andere vergessen zu wollen und tüchtig zu lernen. Aber es ging . nicht. Immer und immer wendeten sich meine Blicke zum Rabbi, der noch immer bei seinem Ständer j wo er sein Gebet verrichtete, stand. Wie ein drückender Alp lagerte es sich mir auf's Herz und ich i war recht froh, daß man mich endlich zum Abendessen rief. Bon diesem zurückkehrend, beschied mich der Rabbi zu sich, um mich für diese Nacht aus seiner Nähe zu verbannen. „ Mein Kind, lasse mich diese Nacht allein — sprach er mich freundlich an — und scblafe im Hofzimmer." Was konnte ich mir da helfen; ob mit oder ohne Willen — ich mußte : gehen. Ich mochte etwa zwei Stunden auf meinem * Lager in halbwachem Zustande zugebracht haben, , da hörte ich ein leises Klopfen am Hausthore. Vom j Bette aufspringen, das Fenster aufreißen, das war! das Werk eines Augenblickes. Trotzdem wir Mondj nächte hatten, war es doch finster, indem düstere i Wolken den Himmel bedeckten. Ich konnte nur mit Mühe bemerken, >aß es der Rabbi war, der das Thor öffnete und Jemandem Einlaß gewahrte, j Wieder ein Räthsel zu den vielen Räthseln, wer I ist dieser Jemand, dem der Rabbi eigenhändig j das Thor öffnete? Doch in einem Punkte ging; mir ein Licht auf. daß der Rabbi mich nämlich j dieses Besuches halber für diese Nacht entfernt! hatte. Wer aber kann, dieser geheimnisvolle Un- > bekannte sein? Hat der Ausruf des Rabbi: „Ja, j er mag kommen," diesem gegolten? War der Brief j für diesen bestimmt? Diese Fragen drängten sich mir auf, ohne daß ich dieselben hatte beantworten können. Eben hatte die Stadtuhr die vierte Stunde! geschlagen, da tritt der Fremde allein ohne Beglei-! tung des Rabbi zur Thüre hinaus. In diesem Momente theilten sich die Wolken, der Mond wird! sichtbar, hell beleuchtete er die Erde. Jetzt konnte I ich den Fremden, der iu einen schwarzen Mantel gehüllt war, betrachten, doch bloß seine Gestalt, denn der breite Hut, tief in die Stirne gedrückt, verdeckte ganz fein Angesicht. Einen schwarzen , Bart und sonst nichts hatte ich bemerkt. Was J hatte er volle fünf Stunden hier gethan? Wer j war er?!-! Drei Monate waren seit jener Nacht ver-; flössen. Es kam der Rosch-Hafchana in's Land, nach ihm der Jom-kippur. Bevor wir zum Kolnidre-Gebete in die Synagoge gingen, kam der Rabbi auf mich zu, legte seine Hände auf mein Haupt und ertheilte mir den Segen. Mir? Nein, er war nicht mir ganz gewidmet; auch ein Anderer bekam einen Theil. „Segne dich und auch ihn j der Allvater; behüte dich und auch ihn Gott;; führe er dich und auch ihn auf den Weg der From-

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