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Der Israelit · 1875-06-02 · Heft 22 (2.6.1875) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
16 (1875)
Issue
Heft 22 (2.6.1875)
Date
1875-06-02
Page
– (sequence 10)
Language
German
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486 „Nachdem durch meinen Erlaß vom 24. 3)läv$ 1874 das in dem Reglement der dortigen juristischen Facultät vom 13. September 1840 für die Habilitation als Privatdocent aufgestellte Erforderniß christlicher Confession des Bewerbers beseitigt worden. sehe ich mich aus gleichen Gründen veranlaßt, die in dem Reglement enthaltene entsprechende Vorschrift hinsichtlich der Zulassung zur Promotion als Ooetor juris utriusgue ebenfalls aufzuheben, und bestimme daher hiedurch, daß der zweite Absatz in § 91 des gedachten Reglements außer Geltung tritt. Bei der Vereidigung bleibt es dem Doctoranden überlassen, ob und welche weitere, seinem religiösen Bekenntniß entsprechende Bekräftigungs-Formel er den Schluß-Worten „Ita me Deus adjuvet" beifügen will. Feuilleton. Der Sohn dcs Rabbi. .Das 13. Jahr hatte ich zurückgelegt und war somit in den Pftichtenverband Israels ausgenommen. Wiewohl meine Mutter, mich noch immer als Kind betrachtend, sich dagegen sträubte, mich in die Fremde schicken zu lassen, machte doch mein Vater seinen Willen geltend, und ich mußte fort, fort vom Elternhause, fort in die weite Welt. Doch wohin? Das wußte mein Vater eben so wenig als ich. Und nur diesem Umstande war es zu verdanken, daß mir noch gegönnt blieb, mich einige Tage in meinem Geburtsorte zu bewegen und noch im Kreise einiger meiner Schulkameraden wenige kindlich-fröhliche Stunden zu verleben. Zu meinem Aerger kamen auf Samstag einige Verwandte als Gäste. Ich wußte, daß eine Familien-Cvnferenz abgehalten und beschlossen werden solle, wohin ich meine Schritte lenken möge. Trotz meiner Bitten an jeden Einzelnen, meinem Vater von seinem Vorhaben, mich in die Fremde zu schicken, abzurathen, thaten sie doch das Gegentheil und stimmten alle übcrcm, daß ich, um mir lalmudische Kenntnisse zu erwerben, znm Rabbi nach K. wandere. Was half das Bitten meiner Mutter! Vier Stimmer lauteten „Ja" und sie allein bildete die Gegenpartei. Was also konnte sie ausrichten? So nun mußte ich schon Sonntag gleich nach dem Schachriß-Gebete vom Elternhause scheiden, um beim Rabbi in K. meine talmudischen Studien fortzusetzen. Mein Vater begleitete mich dahin. Zu jener Zeit gab's in dieser Gegend noch keine Eisenbahn und wir machten die Tour per Wagen. Endlich Dienstag Abend waren wir an Ort und Stelle. In der Nacht noch wurde ich meinem zukünftigen Lehrer und Meister zugeführt; und nachdem mein Vater mich mit allem Nöthigen versorgt, hielt er mir noch eine Moralpredigt, die nur durch einige Gulden gemildert wurde, worauf er heim reiste. Nun preß es, nur dem Studium obliegen, indem ich gar keine Sorge hatte, da ich mit allem Nöthigen versehen war. Beim Rabbi hatte ich Kost und Quartier. Einige Tage nur hatten hingereicht, mich in so weit des Verlustes jener Vergnügungen, die nur das Elternhaus bietet, vergessen zu machen, daß ich nicht mehr jammerte. Dieß hatte das väterliche Entgegenkommen des Rabbi zu Stande gebracht, und um dem Mann, der mich mit solcher Liebe überhäuft, mich dankbar zu zeigen, nahm ich mir vor, recht fleißig zu sein. Und' wahrlich ich war es auch! Nach einigen Tagen schon war ich der anerkannte Liebling meines Lehrers und auch in der Nacht durste ich in seiner Nähe bleiben, mich von dem Born seines Wissens zu laben. Es war mir gestattet, sogar in seinem Zimmer zu schlafen. Mit einem Worte, ich stand in großer Gunst bei diesem mir unvergeßlichen Manne. Denn vierzig an der Zahl waren seine Schüler, unter denen keiner einer derartigen Begünstigung sich erfreute. Die Rabbinerin, von deren Herzensgute die übrigen Bachurim eben nicht viel Erbauliches erzählten, behandelte mich mit fast mütterlicher Zärtlichkeit. Ich wurde von Beiden wie ein eigenes Kind betrachtet; ich wieder betrachtete ne als meine Eltern und dieß that ihnen wohl, denn sie hatten keine Kinder. Ob sie je solche gehabt hatten? Ich sah Keine und hörte auch nie von solchen sprechen. War vielleicht dies die Ursache, daß der Rabbi manchmal, wenn ich des Abends bei ihm saß, so recht traurig aussah? Die Nabbinerin hingegen zeitweise, wenn sie sich nicht beobachtet glaubte, Thränen vergoß? Es mußte ja so etwas sein! Warum denn hatte ich den Rabbi noch nie lächeln gesehen? Warum denn, wenn Alles lustig und bei bester Laune sich befand, behielten sie Beide ihre schweigsam ernste, ja fast traurige Miene bei? Warum denn, so oft von einem Sohn gesprochen wurde, entrangen sich den Augen des Rabbi heiße Thränen? So kamen wir, als wir den Wochenabschnitt Wajera durchgingen zur Stelle, wo Gott dem Abraham befiehlt, seinen einzigen Sohn zu opfern. Warum weinte hier der Rabbi so heftig, daß er mit dem Vortrag inne halten mußte? Ich will es offen gestehen, daß mich eine unbegrenzte Neugierde beherrschte. Wie aber konnte»ich sie befriedigen? Ich hatte schon oft Gemeindemitglieder von diesem Gegenstände sprechen

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