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Der Israelit · 1875-06-02 · Heft 22 (2.6.1875) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
16 (1875)
Issue
Heft 22 (2.6.1875)
Date
1875-06-02
Page
– (sequence 8)
Language
German
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484 einen vor ihm liegenden Brief, den er völlig überflüssig, mit wahrer Berserkerwuth glättete. Aus der Thüre traten drei Herren, Graf Schönhof, Robert Ebers, Jacob Franke. ° — Graf Schönhof war mit der sorgfältigsten Eleganz gekleidet. Ein kurzer knapper Reitrock, über den er jetzt erst einen Oberrock anzog, stand dem kleinen schmächtigen Manne, mit dem blassen blasirten und doch gutmüthigem Gesichte ganz vortrefflich, mit seinen lichtgelb behandschuhten Händen ergriff er jetzt seinen Hut und die silberbeschlagene Reitgerte, die er auf einem kleinen Tische vor dem Bureau des Herrn von Eberstein*) hatte liegen lassen. Robert Ebers war ein großer, stattlicher, ganz schwarz gekleideter Herr. Er mochte etwa 50 Jahre zählen, sein Borderhaupt war stark gelichtet, und feine ohnehin hohe Stirne erschien dadurch noch größer. Seine Züge waren ernst, aber angenehm, sein wohlgepflegter blonder Bart war schon stark mit grau gemischt. Jacob Franke stand in der zweiten Hälfte der Sechzig, er war mittelgroß, eher klein. Sein Scheitel glänzte silberweiß, da er das schwarze Sammetkäppchen, das sonst nie von seinem Haupte kam, abgelegt hatte. Seine milden braunen Äugen blickten klar und ruhig prüfend, und verliehen seinem würdigen, faltigen, mit einem dünnen weißen Backenbärtchen beranderten Gesichte eine eigenthümliche Frische ... in seinen Zügen und in seinem ganzen Wesen lag etwas Wohlthuendes, Vollendetes, Fertiges. Er trug einen braunen Rock, eine weite, bis an den Hals reichende Weste, und ein reines weißes Halstuch. Er hielt sich etwas gebückt, und nahm von Zeit zu Zeit aus einer silbernen Dose ruhig eine Prise. - „Also Herr von Eberstein, Sie sind vollkommen einverstanden?" begann Graf Schönhof gewissermaßen resumirend, mit jenem nachlässig ermüdeten Tone, der zuweilen bis zur Angewöhnung affectirt wird. „Sie glauben also auch, es wird ein gutes Geschäft mit der Credit-Anstalt? . . . freut mich, daß Sie auch zustimmen, offen gestanden, ich war schon halb und halb engagirt . . . Fürst Wittgen hat mir gestern beim Statthalter bei der Soire hartnäckig zugeredct . . ich wußte auch, daß ich mein baares Geld gleich von Ihnen haben kann, und so konnte ich mich leicht entschlie- *) Tic Familie Ebers war geadelt worden und die einzelnen Mitglieder führten beu Namen „von Eberstein", während die Firma unverändert „Jonas Ebers" geblieben war.? ßen . . Alles zusammen, inclusive des Betrages! für die letzte Wolle, mit den Zinsen circa eine! halbe Million?" j Franke machte eine Bewegung, als wolle er den Betrag genauer beziffern. „Bitte, bitte alter Herr", sagte Graf Schönhof abwehrend, „so genau muß es nicht sein; auf zehn bis zwanzigtausend Gulden kömmt es ja nicht an . . sollte ich noch so viel brauchen ... so bekomme ich's doch von Ihnen auf ku^e Zeit auf mein ehrlich Gesicht geborgt, nicht wahr, Herr von Eberstein?" Graf Schönhof lachte, Eberstein verneigte sich ruhig als Zeichen der Bejahung, Franke nahm gleichmüthig eine Prise. „Noch eins, Herr Graf", bemerkte Franke, den Tabak von der Weste sträubend, — „Wünschen Sie den Betrag baac hier, oder in Anweisungen auf Wien, wo ohnehin die Einzahlungen zu leisten sind, im letztern Falle würden der Herr Graf wohl einen Tag Zinsen verlieren, dagegen aber das Geld an Ort und Stelle haben." „Was?" . . . Ein Tag Zinsen? kindischer Mann! — machen Sie es sich und mir so bequem als Sie können und mögen . . gilt mir gleich . . also am 5. Jänner? — abgemacht! . . ja noch eins; senden Sie mir gefälligst auch eine kleine Rechnung dazu, so nur in ganz allgemeinen Umrissen . . brauch's nicht für mich, nur für meinen Hofrath ... ein streng redlicher, aber wunderlicher alter Herr — will über Alles Belege haben." „Das ist sehr vernünftig", bemerkte Franke. „Es wird eine genau specificirte Rechnung beigelegt werden, die Dero Herrn Hofrath, so hoffe ich, vollständig befriedigen wird." 0'est kait — bon! guten Morgen meine Herren!" Graf Schönhof grüßte artig, drückte dem Chef verbindlich die Hand, schlug dem Prokuranten wohlwollend auf die Schulter, und schritt dann rasch weg. . . Eberstein begleitete ihn bis an die Thüre des Comptoirs, Franke richtete indessen einige auf das Geschäft bezügliche Fragen an die Commis — dann gingen die beiden, der Chef und der Prokuraführer in das Cabinet des Ersteren. (Fortsetzung folgt.) Hierzu drei Beilagen. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Rour'fchen Hofbuchhandlung. I. GoltSleben's Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).

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