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Der Israelit · 1875-06-02 · Heft 22 (2.6.1875) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
16 (1875)
Issue
Heft 22 (2.6.1875)
Date
1875-06-02
Page
– (sequence 7)
Language
German
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488 Ihr Haus stand in der Breitenstraße, einer Straße, in der sich im Laufe der Zeiten die Fürsten des Handels und des Verkehres zusammengefunden hatten. DaS große, dunkelgrau getünchte, palaisartig gebaute Haus machte den Eindruck gediegenster Solidität. Die Comptoirs befanden sich in dem rückwärtigen Theile des weitläufigen Gebäudes. Eine Helle Stiege führte in das erste Schreibzimmer. Durch eine geräuschlos zufallende Thüre trat man in einen Saal, welcher seiner Länge nach durch eine elegante niedrige Barriere in zwei Theile durchschnitten war. Hier herrschte stets eine rege unablässige Thätigkeit. Innerhalb der Barriere befanden sich etwa dreißig Personen, welche sich an ihren Pulten mit Schreiben und Rechnen beschäftigten. Einige ertheilten den Eintretenden die gewünschten Auskünfte. Die Thüre blieb selten fünf Minuten ungeöffnet. Kassadiener, Makler. Agenten, Commis, Voyageurs, Kausteute, Fremde gingen fortwährend ab und zu. Die geschäftliche Conversation wurde lebhaft, aber doch leise geführt. Die Kassa, die sich an dem obern Ende des Comptoirs, der Barriöre gegenüber befand, bildete eine Loge, und nur die größere Hälfte des mit einer Marmorplatte bedeckten Zahltisches ragte aus derselben hervor. Jeder Commis hatte seinen angewiesenen Wirkungskreis, und kleinere Geschäfte wurden ausschließlich hier von den betreffenden Personen rasch abgewickelt und erledigt. In der obern Wand des Comptoirs, der Eingangsthüre gegenüber, befanden sich zwei Thüren, eine große, weiß lackirte, hinter welcher sich noch eine dichte Portiere herabsenkte, und welche in das mit dem höchsten Luxus ausgestattete Bureau der Chefs — und eine kleinere, welche in das mit der größten Einfachheit möblirie Cabinet des alten Procuraführers und ersten Buchhalters, Jacob Franke, führte. — Diese Heiligthümer waren nur Ausgezeichneten oder ausnahmsweise zugänglich; und es gab eine große Anzahl jüngerer Comptoiristen, welche dieselben noch nicht betreten hatten. — Diese beiden Räume standen untereinander, durch eine Thüre in Verbindung, so daß die Chefs und der Procurant jederzeit ungestört und unbemerkt mit einander conferiren konnten. Heute war ein besonders reges Leben gewesen. Die jüngeren Commis blickten schon sehnsüchtig nach der Wanduhr, welche nun bald die Erlösungsstunde schlagen sollte; die älteren zogen langsam ihre Arbeitsärmel aus und begannen in kleinen Gruppen zusammentretend zu conversiren. „Das ist ja eine verteufelt lange Conferenz beim Herrn", meinte ein langgewachsener blonder Comptoirist, indem er seine Stahlfeder entschieden in das mit Schrot gefüllte Gläschen vor sich stieß und dann die beiden widerstrebenden Enden seines Schnurrbartes in die gewünschte Richtung zwang, „ich habe nicht bemerkt, wer hineinging . . . wer ist denn drinnen, Herr Meier?" „Graf Schönhof", entgegnete der Gefragte, ein kleiner, buckeliger, ältlicher Mann mürrisch, „Bankiergeschäft! — geht Sie gar nichts an, gehört nicht in Ihr Ressort . . ach! wenn mir oer nur ein Jahr, ein einziges Jährchen seine Revenuen abtreten wollte", fügte er dann sich an seinen Pultnachbar wendend hinzu, und rieb sich bei dem bloßen Gedanken schon vergnügt die Hände, „das wäre erquicklich, sehr erquicklich!" „Ich bin bescheidener", meinte der Angeredete mit einer auffallend feinen Sopranstimme, „ich wünsche mir nur, an Vermögen zu besitzen, was dem nur in einem Monate eingeht, nämlich im Juni ... für seine Wolle — wir hatten voriges Jahr vierhundert Centner von ihm, feine Wolle, sehr veredelt — war aber leider in der Wäsche nicht gelungen." „Meier, Sie wünschen sich das Jahreseinkommen des Grafen, — Du, Blum, begnügst Dich mit den Einkünften eines Monats — o! Ihr Unersättlichen", nahm der Blonde wieder das Wort, „da bin ich bescheidener — ich wünsch' mir nur einen Monat lang seine Loge, seinen Weinkeller . . und seine neue herrliche Equipage mit dem famosen Viergespann . . Herr Gott! muß das eine Passion sein, mit dem herumzukutschiren! . . das war' mir das Liebste auf der Welt!" „Hören Sie doch auf mit Ihrem albernen Geschwätz, Gutmann", unterbrach ihn Meier ärgerlich; „ist das die Sprache eines vernünftigen Comptoiristen, der die Ehre hat, im Hause Jonas Ebers zweiter Correspondent zu sein? . . . Loge, Weinkeller, Viergespann, Unsinn .. ach wie unerquicklich, wie unerquicklich!" „Possen", rief Gutmann luftig, „man muß das Leben genießen, 'S ist so kurz . . man ist nachher lang genug todt, und das ist ein Zustand, von dem man mit Dero gütiger Erlaubniß, Herr Meier, nicht gewiß weiß, ob er wirklich erquicklich oder unerquicklich ist. . Meier murmelte verdrießlich ein Wörtchen, welches entschieden wie Windbeutel klang, die Andern lachten. Plötzlich rauschte nun die Portiöre an der Thüre des Herren-Comptoirs, dasLachen verstummte; die Gruppe stob auseinander, Gutmann ergriff nochmals die Feder, Blum schlug einen dicken Folianten auf, in dem er sich wunderbar schnell vertiefte, Meier erfaßte als letzten Rettungsanker

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