Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1875-06-02 · Heft 22 (2.6.1875) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
16 (1875)
Issue
Heft 22 (2.6.1875)
Date
1875-06-02
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2447603-2447622--11575-2467365
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

480 der Irreligiosität und Jmmoralität saturirt. Ueberdies gebricht's auch an einer kräftigen organisatorischen Hand, welche aus den hemogenen Elementen einen einheitlichen und lebensvollen Organismus bilden sollte. Bisher sah sich die kleine Gemeinde genöthigt. ihren Gottesdienst in einem, in einer Seitengasse gelegenen Lokale abzuhalten, welches der Würde seiner hohen und heiligen Bestimmung in keiner Beziehung entsprochen hat. Die Raum- Verhältnisse waren derart beschränkt, daß sie kaum die Mitglieder der unbedeutenden Gemeinde fassen konnten. Auch durch diesen Umstand wurde die jüd.-orth. Gemeinde in ihrem Wachsthum behindert. Nunmehr gelang es derselben jedoch, die große Synagoge im Orzy'schen Hause für die Dauer mehrerer Jahre in Pacht zu nehmen. Jetzt würde eine gewandte Hand allerdings eher im Stande sein, in Pesth eine jüd.-orthod. Gemeinde nach großem Maßstabe zu cre'iren. An materiellen Mitteln dürfte es kaum mehr fehlen, da die zahlreichen Sitze in diesem Bethause eine reiche Einnahm-quelle bilden. Unserer Autopsie nach hegen wir jedoch die Befürchtung, daß dieser Mann mit der glücklichen Hand in Pesth leider noch nicht geboren sei. Wie traurig das Faktum auch ist, darf ich's bei dieser Gelegenheit doch nicht verschweigen, daß einige Männer in Pesth, welche vor Jahren als Ausschussmitglieder des Schomre- Hadath-Vereines wirkten, nunmehr der Congreß- Gemeinde sich angeschlossen. Es sind dies Individuen, die vermöge ihrer Intelligenz auch die geringste Beachtung nicht verdienen. Allein es wirkte immerhin auf die Sache des wahren Judenthums deprimirend ein, wenn Personen, die mit frecher Miene an die Spitze der jüd. Landesangelegenheiten sich drängten, nunmehr als Renegaten auftreten und durch ihr unverantwortliches Verhalten die orthod. Judenheit verhöhnen. Das allgemeine Vertrauen wurde hiedurch tief erschüttert und die Actionslust allüberall gelähmt. Auch dieses Beispiel wirkte hemmend auf die Entwickelung der jüd.-orth. Gemeinde. Eines jedoch wollen wir zu Ehren dieser Gemeinde registriren. Ohne Betbaus, ohne Rabbiner, ohne Cantor —- ist selbe trotzdem im Besitze einer gut organisirten Volksschule, welche sich hoffentlich als nachhaltiger Krystallisationspunkt bewähren dürfte. Pesth bildet auch den Sitz der jüd.-orthod. Landesvertretung; die siebengliederige Durchführungscommission suchte ich vergebens': sie existirt blos dem Namen nach. In der jüd.-orth. Landeskanzlei fand ich blos Herrn Ignaz Reich, einen Mann von eminenter Freundlichkeit und jener natürlichen Begabung, die in der engen Schulluft nicht verkümmert wurde. Sein unermüdlicher Eifer für die ihm übertragene hohe Mission ist nachgerade staunenerregend, trotzdem leidet der Erfolg eine empfindliche Einbuße durch seinr vielgeschäftige Thätigkeit. Aus allen Ecken und Enden des Landes wendet man sich mit jeder Privatangelegenheit an den Präsidenten der Durchführungscommission und derselbe hat wohl nicht für alle Hilfe, doch aber ein — freundliches Wort. Leider nehmen aber diese vollends unfruchtbaren Audienzen den größten Theil des Tages in Anspruch, weshalb die vitalen Landesangelegenheiten seit Jahren vergeblich einer endgiltigen Lösung entgegenharren. Wir sind gern bereit, den eminenten Eifer des Herrn Reich anzuerkennen. Allein sein Hang zur Diplomatie ist bedauernswerth und zwar um so mehr, als diese Diplomatie blos negativer Natur zu sein scheint. Herr Reich befolgt nämlich keine aktuelle Politik; er hat kein Aktions- Programm; er handelt stets nach den Eingebungen des Moments und glaubt noch oben darein, dieses ewige Laviren bilde die eigentliche Kunst der Diplomatik. Offen gesprochen hat sich diese Programmlosigkeit auch bisher bitter gerächt, denn abgesehen von der Geringfügigkeit des Erfolges, schwindet ja täglich mehr das Vertrauen, welches man in die Thätigkeit der Kanzlei gesetzt hat. Und das darf denn auch angesichts der obwaltenden Verhältnisse in keiner Weise befremden. Ich will mich unumwunden aussprechen. Eine günstige Lösung der Schulfondssrage wurde von der Kanzlei nie angestrebt; sie concentrirte ihre Kraft stets nur auf eine Hinausschiebung aus Furcht, es könnte die Lösung möglicherweise eine ungünstige sein. Und was wird durch diese künstliche Verzettelung gewonnen? Nichts, gar nichts. Die Jahresertragnisse des jüd.-ung. Schulfondes bilden nunmehr die Summe von circa 100,000 st. Hievon erhalten die jüd.-orthod. Gemeinden als Subvention zu Gunsten ihrer Volksschulen <—8000 fl. Alles Uebrige wird zu neologen Zwecken verwendet. Die ' unter Aegide der Congreß-Organe stehende Präparandie und Uebungsschule absorbiren allein den Betrag von jährlich 30—35,000 st. In den getrennten Gemeinden sind fast überall die Realitäten der früher einheitlichen Gemeinden im ausschließlichen Besitze der Eongreßler. Das Cultusministerium verweigert hartnäckig jede Abhilfe und weist die Petenten aus den Rechtsweg. Als am 18. März 1870 den orthodoxen Juden seitens des Reichstages gestattet wurde, sich auf Grundlage eines Organisationsstatutes zu constituiren, wurde gleichzeitig ausgesprochen, daß behufs Theilung des gemeinschaftlichen Vermögens ein eigenes Forum creirt werden möchte. Warum nun wurde die Jnslebenrufung eines solchen Fo- )

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.