Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 22 (2.6.1875)
- Date
- 1875-06-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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479 sage" die Rede ist, die Jünglinge hören auf Universitäten und polytechnichen Schulen Grundsätze predigen, die dem Glauben an Gott schnurstracks entgegenlaufen, die Commis und Lehrlinge hören in „Kaufmännischen Vereinen" und dergleichen Versammlungen Lehrsätze aussprechen, welche die Grundlagen aller positiven Religion als „Köhlerglauben" bezeichnen. Die verderblichen Folgen bleiben nicht aus. Dazu kommen noch die vielen Schwierigkeiten im praktischen Leben, die Feier der Sabbate und Festtage, die manchmal gar schwer zu beobachtenden Speisegesetze. Während des Militär-Dienstes sind viele Jünglinge gezwungen, die heiligsten Gesetze des Judenthums zu verletzen, und daran einmal gewöhnt, thun sie es später freiwillig. In Rußland, in Galizien, im Orient bricht derselbe Sturm los, der in Deutschland schon so lange verheerend wüthet. Gegen eine solche Zerstörung des jüdischen Geistes kommen die Verfolgungen des Mittelalters kaum in Betracht. Denn während damals im Verlaufe der Jahrhunderte Tausende ihr Leben verloren, haben in der Gegenwart im Verlaufe von wenigen Jahrzehnten Hunderttausende aufgehört, dem rechten, echten Judenthume anzugehören. Wahrlich, unser Volk ist heutzutage mehr bedroht denn zu irgend einer andern Zeit. Schauen wir zum Beispiel nach Amerika hinüber. Zahlreich wohnen dort die Leute unseres Stammes. Aber sind sie noch Juden? Ihr ganzes Judenthum besteht darin, daß sie am Sabbat in die sogenannten Synagogen gehen, sich mit und neben ihren Damen auf weiche Fauteuils Hinstrecken, zuhören, wie unter Orgelbegleitung gemiethete Christen und Christinnen ihnen die hebräischen, englischen und deutschen Gesänge „mit Inbrunst" Vorsingen. „Wie haben wir's doch so gut, so bequem", schrieb neulich ein Amerikaner, „wir brauchen uns nicht einmal selber mehr „Maudim zn bücken" — das besorgen bezahlte christliche Sänger für uns!!" Und selbst Oas ist ihnen nicht amüsant genug; sie gehen lieber Sonntags in die Kirche; freilich nur in eine solche, wo „freisinnige" Geistliche mehr gegen als für das Christenthum predigen. Vollzählig findet man jedoch die Mitglieder der großen Gemeinde Emanuel in Rew-Aork nur im Theater. Worin besteht nun das Judenthum dieser Menschen? Keine jüdische Ehe, keine jüdische Kost, keine Sabbatruhe, keine Festesfeier, keine jüdische Grundsätze, kein Mischer Glaube — es bestehlt lediglich im Nichtgetauftsein. Und ist es bei unfern modernen Brüdern in Europa anders? Doch, verzweifeln wir nicht. Der Gott, der uns bisher immer geholfen, uns geschützt und errettet hat. Er wird uns auch die furchtbaren Gefahren der Neuzeit überwinden lassen, bis daß der Tag kommt, an welchem wir das Omer wieder darbringen werden im Hause unsres Gottes in Jerusalem. (Schluß folgt.) LeistMc» aus Mgan». Berlin, 26. Mai. I. Als ich vor wenigen Monaten den Entschluß zur persönlichen Bereisung Ungarns gefaßt, um in diesem industriell ziemlich unentwickelten Lande für meine Fabrikerzeugniffe ein neues Absatzgebiet zu erschließen, ahnte ich es gewiß nicht, daß dort nicht für meine Börse reiche Schätze aufgespeichert sind, sondern für meine — Mappe. Jndeßnahm ich auch diese dankbar entgegen, da die Heimath der Magyaren namentlich in ethnographischer Beziehung gar viele beachtenswerte Momente bietet. Das merkwürdigste Volk in diesem Polyptotten-Lande par excellence bilden jedoch unstreitig die Juden, weil in deren Sitten, Gebräuchen, Lebensanschauungen, Trachten und Bildungsgrad sämmtliche auf dem weiten Territorium der 'Stefanskrone wohnhaften Nationalitäten mit Sonnentreue reflectirt werden. Wie in einem Kaleidoskop wechseln auf diesem Raume tausendgestaltige Figuren in buntem Durcheinander. Ich unterließ es nicht, mit diesen interessanten Erscheinungen die Seiten meines Notizbuches auf's reichlichste zu schmücken. Gewiß nicht in dem Maße egoistisch all' das für mich als ausschließliches Eigenthum behalten zu wollen, muß ich dennoch um freundliche Entschuldigung bitten, wenn ich mit Beseitigung der geographischen Ordnung meiner Reisetour den Reigen mit meinen Aufzeichnungen aus Pesth, dem Focus alles geistigen Lebens und Strebens beginne, uw vom Centrum aus allmählich nach allen Richtungen der Peripherie zu gelangen. Die jüd.»orch. Gemeinde in der ungarischen Metropole befindet sich noch im ersten Stadium der Entwickelung. Ihre Existenz datirt erst seit dem Sturze des Congresses, resp. seit Aufhebung des Congreßzwanges. Im Verhältnisse zur Neologen- Gemeinde ist ihre nummerische Anzahl eine überaus geringfügige. Für einen großen Aufschwung derselben fehlen alle Bedingungen. Die Pesther Atmosphäre ist für die Entfaltung eines wahrhaft jüdischen Gemeinwesens wenig günstig. Die Luft ist dort — sit yenia yerbo — mit den Miasmen