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Der Israelit · 1875-06-02 · Heft 22 (2.6.1875) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
16 (1875)
Issue
Heft 22 (2.6.1875)
Date
1875-06-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
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47 S Da brach die furchtbare Krankheit aus und zerstörte die Blüthe unseres Volkes; die große Mehrzahl der Schüler R. Akiba's wurde hinweggerafft — weil sie sich einander nicht genügend geehrt hatten, berichten die Weisen. Wen von allen diesen hoffnungsvollen Jünglingen die Krankheit verschont hatte, der kam beim Aufstande in Bethar um. Eine furchtbare Leidenszelt brach an; da die Thoralernenden, die Gelehrten, sich in hervorragender Weise an dem Aufstande von Bethar betheiligt hatten, so hielt die römische Regierung das Thorä-Studium für staatsgefährlick» und verbot es auf das Strengste. Erst jetzt schien Israel verloren zu sein. Der Bestand Israels ist, sein eigentliches Leben und Wesen ist die Thora; ohne diese wäre Israel wie jedes andere Volk und seine Existenz hätte nicht unendlichen Werth. Mit welchen Gefühlen muß der greise Rabbi Akiba auf alle die verlorenen Mühen seines langen Lebens zurückgeschaut haben! Alle seine Schüler, die er seit vielen, vielen Jahren mit rastlosem unermüdlichem Eifer herangebildet hatte, todt oder getödtet! Sollte mit ihm, dem hundertjährigen Greise, die Thora begraben werden? Rabbi Akiba ließ den Muth nicht sinken; er, der Hochbetagte, fing wieder von vorn an; er wanderte nach dem Süden des heiligen Landes und suchte sich neue Schüler. Und er fand, was er suchte, und lehrte aufs Neue. Die Vierundzwanzigtausend seiner Blüthezeit, sie sind spurlos dahinaegangen, aber die fünf Schüler seines Alters, sie wurden die Lehrer, die Erhalter, die Neuerbauer Israels; Rabbi Mei'r, Rabbi Jehuda, Rabbi Jose, Rabbi Simeon, Rabbi Nechemja — das sind die Männer, die Israels größten Schatz erhielten und fortpflanzten; sie „lernten" bei Rabbi Akiba in seinen letzten Lebensjahren, suchten ihn, als Tabulet- Krämer verkleidet, im Gefängnisse auf, um sich über einige religiöse Fragen Aufschluß zu verschaffen. umstanden die Richtstätte, als der theure Lehrer von den tyrannischen Römern hingerichtet wurde. Seit jener Zeit ist die Omer-Zeit eine Periode der Trauer geworden, die nur durch den 33. Omertag, an welchem einst das Sterben unter den Schülern des Rabbi Akiba nachließ, unterbrochen wird. Und wie oft hat sich gerade um diese Zeit Noth und Elend und Verfolgung wiederholt! In der Zeit der Kreuzzüge, im Jahre 4856 (1096) mordeten und wütheten die Kreuzfahrer am Rhein und tödteten und verbrannten Israels Söhne und Töchter zu Hunderten und zu Tausenden, in Mainz und in Worms, in Cöln und in Coblenz, in Trier und in Bonn, in Speyer und in Basel. Im Jahre 4950 (1190) mußten die Juden in Eng- ' land und in Frankreich dasselbe Schicksal erleiden; im Jahre 5109 (1349) wurde das Abschlachten, Tödten und Verbrennen der Juden in fast ganz Europa, mit Ausnahme Polens, in Scene gesetzt; damals entflohen die gehetzten und gepeinigten Israeliten nach dem Norden, wo ihnen König Kasimir, der Große, ein Asyl eröffnet hatte. In kleinerem Maßstabe brachen die Verfolgungen fast alljährlich an den verschiedensten Punkten der Erde in der Omerzeit aus; es ist daher diese Zeit eine Periode nationaler Trauer geworden; Hochzeiten werden nicht gefeiert, andere Lustbarkeiten werden vermieden; man nimmt sich den Bart nicht ab wie in den Tagen der Trauer, nur der 33. Omertag macht darin eine Ausnahme. Es verlohnt wohl der Mühe, den inneren Zusammenhang aufzusuchen, der doch zwischen der Eigenthümlichkeit dieser Omerzeit und dem Omer, das ihr den Namen gegeben, nothwendiger Weise herrschen muß. Dem Omer ging der icnn das heißt, das Verbot, von dem neugewachsenen Getreide zu essen, voran. Zuerst sollte von der neuen Frucht Gott ein Opfer dargebracht werden. Unser Volk sollte daraus erkennen, daß Gottes ist die ganze Welt, und daß wir Nichts von dem Ertrage des Erdbodens genießen dürfen, wenn wir diesem Gedanken nicht zuvor durch das Omer-Opfer thatsächlich Ausdruck gegeben. Diese thatsächliche Bezeugung der Gottesherrschaft ist die Grundbedingung der' Existenz des jüdischen Volkes. Inmitten einer feindlichen Welt ist die Existenz Israels immerwährend bedroht. Nur die rrtnö nnwn, die besondere Fürsorge des allmächtigen Gottes, erhält uns, schützt uns, rettet uns. - Das Omer machte uns der n-D-iD nrnw würdig; ohne das Omer, ohne die thatsächliche Anerkennung der göttlichen Weltherrschaft, ist Israel gleichsam den natürlichen Folgen naturgemäßer Ursachen überlassen; den verheerenden Naturkräften, die sich als völkermordende Epidemien äußern, — der Willkür, dem Uebermuthe, dem Haffe der Nationen, die sich als todbringende Verfolgungen kundgeben. Und heute? Auch heute sind wir bedroht — vielleicht mehr als je. Nicht unser Leben» unsere Gesundheit, unser Vermögen, wohl aber, was mehr ist als alles dieses: unsere heilige Religion, unsere Gottentstammte Thora. Eine Zersetzung der religiösen Anschauungen findet statt, die Volker verlassen ihre alten Götter und suchen nach einem „neuen Glauben". Auch Israel bleibt w'cht verschont von diesen Kämpfen. Die Kinder besuchen Schulen und Lehranstalten, in denen von der Schöpfung als von einer „mosaischen Schöpfungs- /

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