Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 20 (19.5.1875)
- Date
- 1875-05-19
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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439 Hochzeiten armer Paare, die ohne feine Hilfe wohl nie in den Himmel oder auch in die Hölle ehelichen Lebens kamen, bezeichnet er feinen Lebenspfad und sieht mit Stolz und Befriedigung auf diese Monumente feiner Thätigkeit. Wie er für die Ausstattung bettelte, bettelt er alsdann für die arme Wöchnerin, für die kleine Waise, für die sieche Frau oder den kranken Mann, sich so ein Capital für das Jenseits ersparend. Kasteiend, büßend, bettelnd, auf die Genüsse irdischen Lebens freiwillig verzichtend, harrt er in frommer Zuversicht auf die unwandelbare Seligkeit jenseits des Grabes, das für ihn keine Schrecken hat, und blickt hoffnungsfreudig hinüber in jenes Reich, wo die Frommen vor dem Throne Gottes weilen. Einen mit Wein gefüllten Becher in der Rechten, beginnt er die Ceremonie des Einsegnens mit der Würde und der Andacht eines Priesters und der Zärtlichkeit eines Vaters. Lange und langsam spricht er das Gebet, dann nippt das Paar vom Weine, der Ring gleitet von einem Finger auf den andern, ein Kelch wird durch den schweren Fuß des Bräutigams in tausend Splitter zerschmettert, und die religiöse Feierlichkeit ist zu Ende. Die Klänge der Musik, das Gejohle der Kinder, das Lachen der Gäste folgt der Stille, nnter welcher die Einsegnung vor sich ging, und der bunte Schwarm wälzt sich dem Hochzeitshause zu. Voran tanzt er, der Almosenier aller Welt, als hätte er sein eigen Kind in den heiligen Stand der Ehe eingesührt und sein Glück begründet. Ihn kümmern die lauten Gassenjungen nicht, die ihm folgen; nicht die Schaulustigen, die aus den Häusern stürzen, nicht der Straßenkoth, den er aufspritzt, er geht ganz in dem Glücke auf, das ihm das Bewußtsein einer frommen That verleiht. Mitten in diesem Jubel packt eine fremde Hand den Arm des guten Mannes. Er wendet sich um. „Was wollt Ihr von mir?" fragt er barsch. „Reb Jankel," redet Jener ihn an, „auf ein Wort!" „Später, morgen. Jetzt laßt mich; ich habe keine Zeit, mein Paar wartet!" „Reb Jankel, Gott soll Euch und mir helfen, es hat noch weniger Zeit, was ich Euch zu sagen habe. Kennt Ihr Fischel Schranken?" „Der sitzt im Criminäl, weil er einige Pfund russischen Schnupftabak geschmuggelt und bei der Betretung dem Finanzaufseher einen „Patsch" gegeben — was weiter? " „Seine Frau —" „Ist entbunden, gebar einen Knaben, das sechste Kind, ist elend — ich weiß Alles; Sonntag ist die Beschneidung, weiß, weiß; war schon dort — was weiter?" „Die Frau ist gestorben." „Nein! Wann?" „Soeben, in dieser Minute; ich komme von dort. Sonntag früh ist das Beschneidungsfest des Kindes, Sonntag früh ist das Begräbniß der Mutter." Der Almosenier bleibt schwer betroffen. Die Musik, die Jubeltöne aus dem nahen Hochzeitshause, das frohe Gewühl vor demselben existiren nicht mehr für ihn. Ein anderer, düsterer Fall, der seine ganze Hilfe erfordert, liegt vor ihm: der Familienväter im Gefängniß. die'Mutter armer kleiner sechs Kinder todt, ein kaum acht Tage altes Kind momentan gänzlich verwaist! „Ich habe nicht einen Groschen Geld!" sagt er traurig zu dem Manne, der ihm die Hiobspost brachte, „gar kein Geld; diese Hochzeit hat Alles gekostet. Die Frau begraben, die Kinder erhalten — und dann, wenn der Mann das Gefängniß verläßt, man muß ihm ebenfalls unter die Arme greifen. . . Aber bis dahin wird Gott helfen, doch jetzt, jetzt — „Reb Jankel! Reb Jankel!" zetern zehn Stimmen aus dem Hochzeitshause, die den Stifter dieser Ehe herbeirufen. „Kommt herein, man wartet auf Euch; Ihr müßt doch dabei fein, Euch freuen und essen und trinken!" „Keine Zeit! keine Zeit!" ruft er zurück und eilt von dannen in das nächste Gäßchen, von da auf den großen zum Theil mit Gras bewachsenen Platz, wo das Gemeindehaus, das bezirkshauptmannschastliche Gebäude, die Pfarrkirche und die ebenerdige, mit grünen Staketen und Blumenbeeten umgebene Wohnung des Ortsgeistlichen stehen, in der er nach kurzem Zögern und nachdem er schon an der Thürfchwelle seine Pelzmütze abgenommen, unter welcher der fromme Jude, weil er nie sein Haupt entblößt, ein Sammetkäppcheu trägt, tritt. Der Pfarrer, eine behäbige Gestalt, mit einem runden, wohlgenährten Gesichte, auf dem sich die Gutmüthigkeit bequem breitlegen konnte, sitzt in seinem gepolsterten Lehnstuhl, vor seinem Matrikelbuche. „Ah, Jankel! Guten Tag, wie geht's Dir? Bringst Du etwas Gutes?" „Ich komme um etwas Gutes, geehrter Herr," erwiderte der Jude halb verlegen. „O, laß hören; ich helfe Dir, wo ich kann." „Ich habe am Sonntag früh eine arme Frau zu bestatten, sie starb im Kindbette, ihr Mann sitzt im Gefängniß, ihre sechs Kinder, das älteste acht Jahre, das jüngste acht Tage, sind vollständig hilflos. Ich habe nicht einen Kreuzer und morgen ist Sabbat — leihen Sie mir zwanzig Gulden; von