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Der Israelit · 1875-05-19 · Heft 20 (19.5.1875) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
16 (1875)
Issue
Heft 20 (19.5.1875)
Date
1875-05-19
Page
– (sequence 8)
Language
German
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436 „Man stößt Dich fort. Du theure süße Mutier", rief sie mit dem Tone des unsäglichsten Wehes — dann plötzlich fuhr sie mit einem lauten herzzerreißenden Aufschrei empor. „Seid menschlich! meine Mutter stirbt . . . beim lebendigen ' Gotte, sie stirbt!" „Meinetwegen sterb' sie wo sie will, nur nicht im grünen Wirthshause . . . hier kostet's Sterben fünfzig Gulden, das ist so meine Tax', die muß vorausbezahlt werden . . billiger geht es nicht.. Ein Gedanke schien plötzlich das gequälte Mädchen zu durchleuchten, sie beugte sich nochmals zu der Sterbenden herab, und löste eilig, doch möglichst sanft eine föaaxfäjnuT von ihrem Halse. „Da. . . nehmen Sie . . . einen Schmuck. . ein goldnes Herz", sprach sie mit fliegendem Athem — „das Allerletzte, was wir besitzen. . . . Doch jetzt seien Sie barmherzig, lassen Sie uns ein!" Der mißtrauische Wirth wollte den ihm gereichten Gegenstand wohl erst einer näheren Prüfung unterziehen; aber der Reisende trat jetzt plötzlich an ihn heran und rief mit gehobener donnerähnlicher Stimme: „Augenblicklich lassen Sie die beiden Damen ein! . . Sie räumen ihnen das beste Zimmer in Ihrem elenden Neste ein . . unverzüglich!" Der Wirth blickte erschrocken auf den jungen Mann, den er bis jetzt gar nicht bemerkt hatte. Dieser war groß und schlank gewachsen. Sein ganzes Wesen schien unbedingten Gehorsam gebieterisch zu verlangen. Seine Reisekleidung war elegant, er stützte sich auf einen Stock und h.tte wahrscheinlich vor innerer Erregtheit, unwillkürlich den,runden schwarzen Filzhut vom Kopfe genommen. Der Mond beleuchtete ein edles Gesicht mit energischen Zügen, aus denen zwei dunkle Augen blitzten; die feinen Lippen waren fest auseinander gepreßt. Dem Wirthe schien jetzt jeder Widerspruch unmöglich und nur in unwillkürlicher Achtung vor dem Fremden — dem unbedeutenden Halsschmucke schien er keinen Werth beizulegen, obwohl er ihn für jeden Fall vorsorglich in Die Tasche steckte — gehorchte er den weiteren Befehlen des Unbekannten, die dieser ebenso entschieden als ruhig ertheilte. — Die Kranke wurde in das Haus gebracht, und kurz darauf lag sie in einem ärmlichen Bette.in einer gebeizten Stube. Das Mädchen, ausschließlich mit ihrer Mutter beschäftigt, schien die erfolgj reichen Bemühungen deS Fremden nicht bemerkt zu - haben. . ' „In der kleinen Borstube, die an das Zimmer der Sterbenden grenzt, werde ich übernachten", sprach der Reisende zum Wirthe. . . . „ist ein Arzt in der Nähe, so muß er gleich herbeigeholt werden., ich werde alles zahlen, und fürstlich will ich es Euch zahlen." „Bor morgen früh kann kein Arzt zur Stelle geschafft werden , Euer Gnaden", antwortete der Wirth unterwürfig, — „nach Burgstein oder nach Grünwald sind zwei Meilen . . . Wagen Hab' ich keinen, die weite Wanderung aus unsicherem Wege bei Nacht und solch' grimmiger Kälte wird Niemand unternehmen. . Der Reisende warf rasch Hut und Mantel ab und trat lautlos in das Stübchen, in welchem sich die Kranke und ihre Tochter befanden. — Das Mädchen lag aus den Änicen vor dem Bette und preßte die erkaltenden Hände ihrer sterbenden Mutter an ihren stürmisch wogenden Busen. Sie hatte der Thüre den Rücken gewandt und bemerkte das Eintreten des Reisenden nicht. Das volle Licht einer Lampe, die auf einem Tische vor dem Bette stand, fiel, auf das Lager der Sterbenden. Es war dies eine edle, harmonisch gebaute Gestalt von einer fast überirdischen Schönheit. Das sterbende Weib mochte wohl 45 Jahre zählen, aber nicht Zeit, nicht Leid hatten diesen wundervollen Zügen ihren unendlichen Reiz zu rauben vermocht, und selbst das Hcrnnnahen des Todes veredelte noch im letzten Kampfe dieses marmorgleiche edle Antlitz. — Ihre dunkeln Augen noch in dem letzten Lebensmomente leuchtend, hingen mit einem Blicke voll unsäglicher Wehmutlr, voll hingehendster Liebe an ihrer Tochter, ihre seirrgeschnittenen Lippen, die sich sichtbarlich von Moment zn Moment entfärbten und im Todeskampfe zuckten, suchten im letzten Lebensaugenblicke noch ein entzückend schönes Lächeln festzuhalten, — der Mund so halbgeöffnet einer frühgeknickten Rosenknospe gleichend, ließ zwei Reihen Perlen-Zahne sehen — ihr Busen hob und senkte sich unregelmäßig — es war ein eigentümlich schaurig schöner Anblick, dies Meisterwerk der Schöpfung, mit dem Tode ringend, in diesem Kampfe erliegen zu sehen. Die Kranke machte offenbar eine fürchterliche Anstrengung mit ihrer Tochter zu sprechen, es gelang ihr nicht. (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. Gottsleben'S Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).

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