Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 19 (12.5.1875)
- Date
- 1875-05-12
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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hen, wo UN- Alles kalt und fremd anfchaut, wo nns die Menschen verachten und Gott nicht lieben kann. Glauben Sie mir, unter zehn Bekehrten ist nicht Einer bekehrt worden. Der Eine gab sich für Geld, der Zweite für einen guten Posten, der Dritte für ein schönes Weib, der Vierte, um einer Verfolgung zu entgehe» oder ein Ziel zu erreichen, gefangen, aber aus purer Ueberzeugung — nein, nein, Keiner!" Der Mann strich sich seinen langen, ungekämmten Bart, hüllte sich fester in seinen weiten, langen Talar und trat hinaus in die dunkle Nacht, andere Gasthöfe zu besuchen, andere Reisende aufzusuchen, die, verspätet durch den kleinen Ort kommend, hier Rast halten. Abermals halt der ruhelose Nachtwandler seine klirrende Büchse hin, ohne sich abweisen zu lassen, steckt eine Demüthigung und eine Gabe ein und wandert weiter. Und der nächste Tag war ein Freitag. Fromme Juden weihen schon zur frühen Stunde die Sabbatfeier ein, und in den Mittagsstunden ruht die Arbeit. Der Schweiß wird von der Stirne gewischt, der müde Körper steigt in ein erfrischend Bad; der Kummer wird aus dem Herzen gewiesen und an die Stelle des Kampfes und der Sorge treten Friede, Ruhe und Zufriedenheit. In der ärmsten Hütte wird es hell; auch der Bettler legt sein bestes Gewand an, und wo die ganze Woche hindurch kein Feuer auf dem Heerde brannte, prasselt und brodelt cs luftig dem heiligen Sabbat zu Ehren. Was die Woche über der Fleiß erworben, die Spekulation gewonnen, ja was der Bettel einheimste, gehört vorerst dem Sabbatfeste. So arm ist keine Hütte, daß sie nicht hell erleuchtet, so frugal kein Tüch, daß er nicht mit Fisch und Fleisch besetzt würde. Die Wohnung wird zum Tempel, der Familienvater zum Priester, das ganze Hausgesinde stimmt in die Psalmengesänge ein, mit denen der Feierabend in weihevoller Weise empfangen wird: Und wie jubeln sie auf diese menschlichen Lastthiere, nachdem sie sechs Tage lang die schwere Bürde auf dem gebeugten Nacken trugen, angesichts der festlich geputzten und gescheuerten Stube, des treuen Weibes, der lachenden Kinder, des blinkenden Weines, der dampfenden Speisen! Der Sabbat ist ihnen der Auszug aus dem Lande der Knechtschaft, die Erlösung von Sorge und Pein, die Ruhe im Kampfe. Es ist also Freitag Nachmittag, in den slavifchen Ländern die Zeit "der meisten jüdischen Trauungen , und in der großen Stube eines kleinen Häuschens sitzen viele geputzte Frauen, nach alter, nur noch in den kleinen Orten Galiziens erhaltener Mode mit der breiten Perlenbinde auf dem Kopfe, dem goldgestickten Brustlätze im großblumigen Kleide und der breiten, faltigen Moufselineschürze, eine aus alten Zeiten überkommene und pietätvoll gewahrte Tracht, gegen die Czar Nikolaus in seiner rücksichtslosen Sucht, Alles zu nivelliren uud zu russisiciren, mit Ukasen, aber nicht mit vollem Erfolge, zu Felde zog! — In der Mitte der Stube, auf einem mit Polstern zu einer Art Thron erhöhten Stuhle, mit dem Gesichte gegen den Eingang, die Haare aufgelöst, die Augen gesenkt, die magern Arme im Schooße, sitzt die Braut; ein armes, winziges, verkrüppeltes Geschöpf. Armes Mädchen, du sollst jetzt an ein Wesen gebunden werden, ebenw unglücklich, ebenso mißgestaltet, von Geburt und Geschick ebenso kümmerlich ausgestattet wie du, auf daß ihr vereint an dem schweren Leben schleift, das für euch weder Blumen noch Blüthen, weder Frühling noch Sonnenschein hat, und gemeinsam eine dornenvolle Bahn unter Sorgen und Entbehrungen hinunterwandelt. Jetzt nahte er. Hat das Liliputerland seine Einwohner ausgespiecn oder stieg ein Berggeist in's Thal, um sich seine Gefährtin zu holen? Zwei Männer in weiten seidenen Talaren, auf dem Haupte die nach Tscherkessenart geformten Pelzmützen über den langen, bis zum wallenden Barte reichenden Ringellocken, führen in ihrer Mitte einen Zwerg, der verschämt, gesenkten Blickes sich dem kleinen, ebenso zwerghaften Brautchen nähert und über ihr Gesicht die schwere Binde legt, als Symbol, daß sie nun für alle andern Männer erblinde und ihr Auge nur ihrem Gatten öffne. Ein Regen von Hopfen und Nüssen fällt jetzt aus Franenhand auf das unförmige Haupt des abtretenden Gättchens. „Auf daß die Ehe fruchtbar werde wie die Hopfenschlinge und der Nußbaum," lautet die Lehre. — Das wäre ein schönes Geschlecht, wenn diese Pygmäen zahlreiche Geschöpfe wie sie in die Welt setzten! Der glückiche Bräutigam entfernte sich, um seiner Holden bald unter dem Baldachiu zu begegnen. (Schluß folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verarrtworrlrche Redaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen H-sbuchhandjuug. I. GoltSleben'ö Vuchdruckerer ^Mainzer Anzeiger).