Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 19 (12.5.1875)
- Date
- 1875-05-12
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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415 „Ich nehme nur von Juden eine Gabe. Diese kennen die Verhältnisse, sie können leicht erfragen, waS der Jacob PereleS mit dem gesammelten Geld mache, ob ich den Bettel für mich als Gewerbe oder im Interesse ärmerer Leute betreibe. Christen aber verdächtigen uns, sie trauen den Juden eher viel Schlechtes als ein wenig Gutes zu. Wenn Sie, lieber Herr, mir in Ihrer Großmuth ein Geldstück reichen, so kommt Ihnen doch zuweilen der Gedanke, der Jude habe Komödie gespielt, um Sie zu betrügen. Oft schon habe ich von christlichen Fremden etwas annehmen müssen, doch gehen Sie zu dem Herrn Dechanten dieses Ortes hin und fragen Sie ihn. ob ich es ihm nicht für seine Armen brachte. Diese müssen ja am Ende auch leben und Niemand ist hier, der sich ihrer annähme. Auch seinen Feinden soll man Gutes thun, steht geschrieben." „Sind die Christen Ihre Feinde?" fragte der Geistliche lächelnd. „Das fragen Sie?" erwiderte Jener, mit den Augen zwinkernd und ein verschmitztes Lächeln im Gesichte; „das sollten Sie doch wissen. Man predigt und hört und glaubt es überall: die Juden lügen, betrügen, hintergehen, stehlen, rauben und verrathen; jeder Bettler sei ein Millionär und bettle nur, um seinen Reichthum zu vermehren; man ist mit dem Verdachte so rasch und man bestärkt sich so leicht darin. Wenn Sie mir jetzt ein Geldstück für meine Armen geben, ein Stunde spater denken Sie: Der Jude wird Komödie gespielt und mich belogen haben; er selbst, ein armer Teufel, wird nicht so dumm sein, in späten Nachtstunden in den Fremdenstuben der Gasthöfe zu betteln, um am nächsten Morgen die zusammengescharrten Geldstücke an andere arme Leute zu vertheilen. Habe ich nicht Recht, lieber Herr? Sie werden gewiß so denken und hundert Andere mit Ihnen!" „Aber Sie nehmen zuweilen doch auch von christlichen Durchreisenden etwas an, wie Sie selbst sagten; zwingt Sie denn Jemand, oder gibt Jemand, ohne daß verlangt wird?" „Wohl, ohne daß ich es verlangte. Es kommen oft Gutsherren, Verwalter. Offiziere vorüber, die mich seit Jahren kennen; „Jacob" oder „Jankel", sagen sie, „Herkommen!" denn diese Herren rufen unsereins, wie man einen Hund ruft, und dutzen uns, wenn wir auch dreimal so alt sind. „Nimm, hier hast du einen Gulden für deine Bettelfamilien, und mache, daß du weiter kommst." Ich fürchte mich vor diesen gestrengen Herren, nehme den Gulden und trage ihn zum Pfarrer. O! der hält große Stücke auf mich!" „Am Ende liest er Messen für Sie, wenn Sie gestorben sind?" „Ich werde ebensogut da unten bei unser« stillen Kadifch schlafen." versetzte der Jude. „Sehen Sie, Herr, was dort drüben ist. weiß kein Mensch, ebensowenig ein unwissender Jude wie ein gelehrter Geistlicher; möglich, daß Ihnen mein Kadifch ebensogut oder besser noch bekommen könnte als mir Ihre Messe." „Sckaut's, schaut's, der Jude hat Witz!" höhnt der Geistliche. „Auch nicht einmal Witz soll er haben!" ruft PereleS, „Gott der Gerechte, Alles ist zu viel, waS der Jude hat oder ist; ist er Kaufmann, so tadelt man, daß der Jude nichts Anderes thut, als handeln und handeln; wird er Arzt, so sagt man: der Stand ruht in den Händen der Juden; widmet er sich der Landwirthschaft, so entsteht ein Gezeter unter den Edelleuten, daß der Moschku in die Nachbarschaft rückt und daß ihm um des Himmels willen ja keine Gründe verpachtet oder verkauft werden, sonst geht das ganze Galizien in jüdische Hände über und sie bauen sich hier ihr Palästina wieder. Geht er mit der nationalen Partei, so zischelt man, er sei anmaßend und aufdringlich, daß er gewiß irgendwelche eigennützige Absichten haben müsse; lehnt er sich hingegen an die Regierung, so beschuldigt man ihn des Landesverrathes. Er mag sich kehren und wenden wie er wolle, er thut Keinem Recht. Es ist wie mit der Schwiegertochter und der bösen Schwiegermutter; die arme in's Haus eingewanderte junge Frau mag sich noch so willia und gehorsam zeigen, noch so arbeitsam und steißig sein, sie kann nie die keifende Mama zufriedenstellen." „Dem könnt Ihr ja leicht abhelfen!" lachte der hochwürdige Geistliche. „Und wie?" „Werdet Christen!" >,O, niemals! Der Jude, der sich taufen läßt, wird ein getaufter Jude, nie aber ein Christ. Das Judenthum streicht ihn wohl aus der Lille seiner Angehörigen, seine Verwandten zerreißen ihre Kleider, streuen Asche auf ibre Köpfe, ihn als verloren beweinend. Die christliche Kirche nimmt den Neubekehrten gastfrei auf; die christliche Gesellschaft aber betrachtet ihn als einen Fremden und bleibt ihm zumeist verschlossen. „Wer ist der Mann?" fragt man, „Eia getaufter Jude," gibt man zur Antwort. So hat man seine Familie für fremde, kalte Menschen aufgegeben, man hat seine liebe, gewohnte Hütte, in der die Wiege stand und die sorglosen Tage der Jugend verlebt wurden, niedergerissen, um in ein reich geschmücktes Haus zu zie-