Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1875-05-12 · Heft 19 (12.5.1875) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
16 (1875)
Issue
Heft 19 (12.5.1875)
Date
1875-05-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2447603-2447620--11529-2467317
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

4if> Centralstellen Platz greifen und der Vorort Fürth i die Initiative hiezu nehmen möchte. Aus der Pfalz, 1. Mai. Das Bezirksgericht Landau hat dieser Tage einen Caplan Eichhorn von Gessersweilcr zu acht Tagen Gefängniß verurtheilt wegen Beschimpfung einer anderen Confessio«. In Silz, einem Filial-§)rt von Gessersweiler, war auf Weisung des dortigen Adjuncten eine protestantische Frau in der Reihe der Katholiken neben ihrem kurz vorher verstorbenen katholischen Ehemann beerdigt worden, obwohl für die Protestanten ein eigener Platz abgegrenzt ist. Im Auftrag des Pfarrers protestirte hiegegen der j Caplan am nächsten Sonntag von der Kanzel herab, j wobei er den Ausdruck gebrauchte, Protestanten, Juden, Heiden, Türken, Hottentotten und Selbstmörder hätten kein Recht, in geweihter Erde zu liegen, die müßten in einem Stück nicht geweihter Erde untergebracht werden. In dieser Ansprache erkannte das Gericht eine Beleidigung sowohl der Andersgläubigen, als auch des Adjuncten, als einerobrigkeitlichen Person und sprach demgemäß die Verurtheilung aus. — Der Stadtrath von Kaiserslautern wird nun die Frage der Anstellung israel. Lehrer an den Communal-Schulen, und zwar an den erst nach 1873 gegründeten, ebenfalls urgiren. Er hat beschlossen, den Lehrer der dortigen israel. Schule in den Communal-Schul-Verband aufzunehmen, wodurch die Gemeinde in die Lage kommt, eine der vier neu zu errichtenden Lehrer-Stellen zu sparen. Der Stadtrath war sich dabei bewußt, daß er auf Widerstand bei der Regierung stoßen wird, will aber doch seinerseits nichts unversucht lassen, um mit seiner Forderung durchzudrinien. (Frks I.) Frankfurt <*. M. Nach den amtlichen statistischen Mittheilungen wurden von den hiesigen Civilstandsbeamten im Jahre 1874 eintausend zweihundert und dreißig Paare getraut, worunter einhundertundsieben jüdische. Im Jahre 1824 war ein Gesetz erlassen worden, „daß in Frankfurt nicht mehr als fünfzehn israel. Ehen geschlossen werden dürften und daß unter diesen zwei sein könnten, bei denen der Mann oder die Frau fremd seien." — Im Jahre 1833 stellte Herr Dr. Bender einen Antrag auf Abschaffung dieses Pharaonischen Gesetzes. Darüber große Entrüstung bei Herrn Assessor Dr. Gallus. Jenes Gesetz, meinte er. sei der Trost, sei die Beruhigung der christlichen Bevölkerung; die Israeliten, die in Frankfurt nicht heirathen dürften, möchten doch auswandern! Ihm trat Herr Dr. med. Schilling energisch entgegen. Herr Dr. Gallus, sagte er, scheine ein ganzes Jahrhundert verschlafen zu haben; er dagegen stimme für die allgemeine und unbeschränkteste Emancipation seiner isr. Mitbürger. — Das inhumane Gesetz, soweit es die geborenen Frankfurter betraf, fiel denn auch, während die Beschränkung der Zahl der nach Frankfurt sich verheirathenden fremden Israeliten für Erste noch aufrecht erhalten blieb. Wenn Herr Assessor Dr. Gallus einmal wiederkehrte und erführe, daß in Frankfurt a. M. im Jahre 1874 einhundertundsieben isr. Ehen sind geschlossen worden! — Gelobt sei Gott, der die Zeiten ändert. Aus Friedeberg, N.-M , schreibt man der „Voss. Ztg." unter dem 22. April: Vorgestern war Hierselbst eine Versammlung des landwirthschaftlichen Vereins des Friedberger Kreises, zu der auch Nichtmitgliedern des Vereins der Zutritt gestattet war. Man war darauf gefaßt, daß dieser oder jener Redner auch auf die', freilich erst im nächsten Jahre in Aussicht stehenden Wahlen, und zwar im Sinne der agrar-politischen Partei, vorbereitend zu wirken versuchen würde; die Rede aber, welche der Rittergutsbesitzer von Wedemeyer auf Schönrade von sich gab, war von der Art. daß sie selbst die kühnste Phantasie derer, die mit der Anschauungsweise des geehrten Herrn bekannt sind, wert hinter sich ließ. Den großen, hundert Mal wiedergekäulen Gedanken von der Feindschaft zwischen Landwirthschaft und Industrie, die tiefe Ansicht, daß der preußische Staat lediglich für den Ackerbau bestimmt sei, popularisirte er in der Weise, daß er als den Hauptgegner des landwirthschaftlichcn Interesses die Juden aufstcllte, und muthvoll auf diese mächtigen Unterdrücker einsprengte. Als er im Laufe seiner Rede mit feinem parlamentarischen Takte des „jungen Juden Lasker" erwähnt hatte und in Folge dessen und der weiteren Judenhetze Zeichen des Mißfallens laut wurden, nahm der besonnene Redner Veranlassung, zu erklären, was er unter Juden verstehe. Er meine damit nicht die Israeliten, sondern Halsabschneider, Wucherer, überhaupt alle Geldmenschen, welche Reichthümer erwürben ohne sich ein Gewissen zu machen, wodurch? nur diese, gleichviel ob beschnitten! Mit der politischen Laufbahn Lasters, den der feudale Herr nicht einen jungen Israeliten, sondern einen „jungen Juden" nannte, wird es jetzt wohl aus sein! Nachdem die Wedemeyer'sche Rede, frei von der Sklavenfessel der Logik, noch lange sich umhergetummelt, schloß der Redner sehr emphatisch mit folgender Phrase: „Meine Herren,' die jetzige Kammermajorität hat die Jesuiten aus dem Lande gewiesen, wer weiß, ob wir nicht näch-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.