Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 18 (5.5.1875)
- Date
- 1875-05-05
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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399 land" kämpft. . . Wer lacht da? Und warum sollen denn die Juden gehetzt werden?! Weil sich angeblich die jüdische Bevölkerung als eine unproduktive erweist, weil sie weder Ackerbau, noch Industrie und Handwerk, sondern nur Kleinhandel, Tausch- und Maklergeschäfte betreibt — aber, um Gottes willen, wie soll dies besser werden, wenn die russische Regierung die Juden nicht emancipirt? wenn sie ihnen nicht einmal das gewährt, was sie den Heiden gestattet^— die Freizügigkeit?! Das Gesetz selbst drängt ja die Juden zu einer Art des Erwerbes, wobei sie nicht befürchten müssen, im Falle ihrer Ausweisung Hab und Gut zu verlieren! Hoffentlich wird aber Kaiser Alexander auf die Stimme des Berliner Hamans nicht hören und der Commission im russischen Ministerium des Innern, welcher die Judenftage zu begutachten hat, die Prinzipien des Rechts und der Gerechtigkeit dringend empfehlen. A Düffeldorf, 12. April. Vor Kurzem starb in Paris ein Mann. dessen Herz während seines ganzen Lebens glühend für das Land der Väter entbrannte — ich meine den edlen Moritz Heß. Im Jahre 1812 in Bonn geboren, schloß >r sich frühzeitig der politischen und literarischen Bewegung Deutschlands an und vertheidigte vor Allem republikanische und socialistische Ideen, besonders in der Zeitschrift .Jahrhundert". Er war Mitarbeiter de- „Revue-Franco-Allemande", die vor 1848 von Heinrich Heine und Carl Max herausgegeben wurde. Leider verstand er nicht die Politik Deutschlands, gegen welche er im Jahre 1870 durch eine Broschüre protestirte. In seinem großen Sensation machenden Werke: „Nom und Jerusalem" bewährte er sich als ein durchaus orthodox gesinnter Jude, der deßhalb von den Reformhelden mehrfach heftig angegriffen wurde. Seine Leiche ist auf seinen Wunsch nach Köln gebracht worden. * * * In den meisten Synagogen der Nheinprovinz ist die Vorfeier des Geburtstages Sr. Majestät des Kaisers und Königs am Sabbat Sachor 5635 (am LO. März 1875) festlich begangen worden. Vor dem Schreiber dieses liegen mehrere Predigten, die bei dieser Gelegenheit gehalten wurden, und ersehe ich aus denselben zu meiner großen Genugthuung, daß auch in den Vorträgen der orthodoxen und conservativen Rabbinen ein Hauch des edelsten und lautersten Patriotismus weht, — die beste Widerlegung jener von unreifen Reform-„Rabbinen" ausgehenden gehässigen Denunciation, als wenn die Orthodoxie vaterlandslos und reichsfeindlich wäre. Besondere Anerkennung verdient meines Erachtens die Predigt des Ober- Rabbiners Dr. Horowitz in Crefeld (Verlag von Cramer und Bauer in Crefeld), wo eine sehr anziehende Parallelle zwischen dem religiösen Gedenkfest — Purim — und dem vaterländischen Dank fest gezogen wird; jenes lenke unseren Blick auf Vergangenes hin, dieses auf Gegenwärtiges. Wohlthuend müssen auch die folgenden Sätze der Predigt berühren: Was Wunder, daß Derjenige, der so dasteht, gestützt auf die eigene Thatkraft und auf die Mithilfe bewährter Männer, gestützt auf den festen Sinn, aber auch auf die Liebe znm Volke, die sich die Liebe des Volkes ganz erwirbt, was Wunder, daß er auch erfüllt und beseelt ist vom männlichen Selbstvertrauen, der stets der Begleiter und Förderer großer Mannesthaten ist, von dem Vertrauen, daß das für Wahr und Recht Erkannte auch mit freudigem Erfolge gekrönt werden würde Aber dieses von jeder festen Staatslcitung erheischte Selbstvertrauen wird bei diesem König gehoben und geadelt durch das schöne Gottvertrauen, das ihn in allen seinen Unternehmungen leitet, durch jene wahre Frömmigkeit, mit der er bei allen seinen Siegen und Erfolgen zu dem himmlischen König emporblickt, als dem Urheber alles Siegens und Gelingens. „Und es geschah: so lange Moses seine Hand erhoben hielt, siegte Israel." Dazu wieder ein alter Lehrer sinnig deutend: „Was hat das Erheben und Senken seiner Hände mit dem Siege Israels und Amaleks zu thun?" — Ja, so lange der Führer seine Hände zum Himmel emporhob, und selbst da, wo schon scheinbar nur irdische Waffe und menschliche Macht entscheiden, hinwies auf die Allmacht, als auf die alleinige Quelle alles Siegens und Gelingens, „da schaute auch das Volk gläubig und vertrauend hinauf und mußte siegen". * * * In Berlin existirt seit Kurzem eine „Eisenbahnzeitung", die, so weit dies bezüglich des größeren Publikums gilt, unter Ausschluß der Oeifentlichkeit erscheint — Leser und Nichtleser erhalten das Blatt gratis und franco in's Haus geschickt Dasselbe nährt sich hauptsächlich aus persönlichen Angriffen, allerlei Klatsch - und Schmutzgeschichten und hätte ich, trotzdem mir eine Nummer , mit rothem Bleistift angestrichen, ebenfalls in's Haus geschickt wurde, meinerseits keine Veranlassung, meine Hände damit zu beschmutzen, wenn mich nicht ein Artikel der „Eisenbahnzeitung" veranlaßte, das im Verborgenen blühende Veilchen demgefchätzten Leser dennoch zu präsentiren. Besag-