Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 18 (5.5.1875)
- Date
- 1875-05-05
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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396 Heber das Gesicht des Mannes zieht hier der Ausdruck wirklichen Kummers. „Wie viel mag wohl die Woche über zusammenfließen?" „Das ist ungleich. Im Sommer, wo reichere Leute in die Bäder reisen, besonders viele Frauen, da Hab' ich eine reichliche Ernte; im Winter geht es freilich flau; denn da kommen bloß kleinere Geschäftsleute und Menschen, die selber lieber nehmen als geben. Die Leute kommen zumeist wegen der Kälte und des schlechten Weges bei schlechter Laune an und ich wache oft Nächte durch, ohne für meine armen Pfleglinge mehr als wenige Groschen heimzubringen. Da könnten sie allerdings nicht satt werden, wenn ich nicht als sorgsamer Vater in bessern Tagen für magere Zeiten einen kleinen Sparpfennig anlegen würde." „Doch — wie viel sammeln Sie beiläufig des Jahres!" „So zwischen zwei - bis dreitausend Gulden im Jahre." „Und wie lange betreiben Sie diesen sonderbaren Bettel?" „Seit ich mein letztes Kind zu Grabe trug; ungefähr 12 Jahre." „Sie haben somit ein schönes Geld gesammelt und vertheilt. —" „Ich zähle es dem Himmel nicht vor. Es ist ja nicht mein Geld, das ich vertheile. Ich bete zu Gott, es Jenen anzurechnen, die es durch mich den Armen reichen, den ungenannten und unbekannten Wohlthätern." „Also morgen — morgen ist doch Freitag? — ist Ihr Freudentag, an dem Sie den Ertrag Ihrer Sammlungen in die Hände der Armen leeren?" fragte der Reisende, seine Geldbörse öffnend. Das Gesicht des kleinen Mannes leuchtet auf. „Besonders morgen," sagteer, sich die Hände reibend, „morgen halte ich Hochzeit." „Wo denn?" „Bei mir, in meiner Familie," kichert der Alte, „ich verheirathe einen Zwerg mit einer Zwergin." „Nicht möglich!" „Wahrhaftig. Ein zwanzigjähriger Bursche, den Sie für einen achtjährigen Knaben halten würden, ist der Bräutigam, und ein fast ebetlso altes Mägdelein, das nicht größer als er, ist die glückliche Braut." „Ein schönes Paar! Und Ihr bestreitet die Hochzeitskosten?" „Ich? .Woher nähme ich das Geld dazu? S i e bestreiten sie, sowie all' Diejenigen, die mir ihre Börse öffnen und für meine Schützlinge eine fromme Gabe reichen. Arm wie ich bin, kann ich für sie nur betteln, nichts aber geben." „Und wovon lebt dann Ihr Paar?" Der Bettler zuckt die Achseln. „Weiß ich's? Von dem, was Gott eben gibt. Wovon leben sie jetzt? Man thut einen Dienst, man macht einen Gang, man hilft dem Einen im Hause, man wäscht das Geschirr, man sieht zur Küche, zum Stall, man kehrt die Zimmer, vor der Thür, man reinigt die Kleider, man sitzt am Krankenbett, an der Wiege, und dergleichen Verrichtungen mehr. Hier fällt ein Bissen, dort ein Groschen ab oder ein alter Fetzen. Ist man gesund, so braucht man wenig, da genügt ein Stück Schwarzbrot, eine Kartoffelsupfle oder ein Schluck Branntwein; ist man krank, nun, da geht man in'S Krankenhaus oder ruft die Barmherzigkeit guter Menschen an. Wovon lebt der Vogel in der Luft, der Fisch im Wasser und das Thier im Walde? Gottes milde Hand ernährt sie, ernährt uns." „Der Vogel in der Luft," erwiderte der geistliche Herr, „baut sein Nest, das Thier im Walde bohrt seine Höhle; aber so ein Menschenpaar braucht ein Zimmer, Bett und Kasten, Tisch und Stuhl, Holz und Licht —" „Oho! wir sind keine Prinzen! Unsereins ein eigenes Zimmer und ein eigenes Bett! Das gibt's nicht. Unsereins hat ein Bündel und schläft mit noch einem Dutzend ebenbürtiger Menschenkinder in Einer Stube, Stroh zum Lager, zur Decke fein Gewand; Ein Licht, Ein Scheit Holz, Ein Tisch und Ein Krug für Alle. Das Elend rückt und drückt uns aneinander; wir schmelzen unter Einem Dach zu einer Familie zusammen. Cs steht nun einmal in unserem heiligen Buche, daß der Mensch nicht allein sein soll, und so ist es ein Gottesgebot, ein Weib zu nehmen, und Jene, die armen Leuten, welche es sonst nicht gekonnt, hierzu verhelfen, verüben ein Werk der Gottesfurcht und Nächstenliebe!" (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei BeUagen. verantwortliche Redaction: Dr. Sehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. Solls leb en'S Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).