Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 18 (5.5.1875)
- Date
- 1875-05-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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395 Afrika. Calro (Egypten). Auf Befehl des Khedive wurde zu Gunsten der ,.Jsr. Freischule" eine Vorstellung im Operntheater gehalten. (Arch. Jsr.) Feuilleton. Ein Ilmosenitr. Erzählung von L. Herzberg-Frankel. (Fortsetzung.)! „Scholem Aleichem!" sagt der nächtliche Be-! sucher, seine rechte Hand dem Fremden nach orientalischer Sitte entgegenstreckend. „Was wünscht Ihr?" „Geld, recht viel Geld, Herr." „Oho, um Mitternacht bettelt Ihr auch? Hat man denn niemals Ruhe vor Euch?" j „Herr," versetzt Jener ruhig, „ich habe doch j bei Tage zu Ihnen nicht kommen können, da Sie l nicht hier waren, und kann nicht bis morgen warj ten, wo Sie nicht mehr hier sein werden. Die j Fremden bleiben hier zwei oder vier Stunden, und da muß ich sie packen wann und wo immer, denn | die Einwohner dieses Ortes haben selber nicht viel! und können nichts geben." | „Aber Sie dürfen den Reisenden nicht verdenken," sagt der Fremde milder, „wenn sie unwillig werden, da sie selbst Nachts, wo sie müde und übellaunig das Gasthaus betreten, angebettelt werden, nachdem man sich den ganzen lieben Tag über auf der Heerstraße, in den Gassen und in denWirthshäusern mit zudringlichen Bettlern jeder Sorte är- ( gern muß!"! „Meine Familie will aber doch leben," ver-! setzte der BetÜer, „meine Kinder wollen gespeist,! gekleidet und am Ende auch verheirathei werden." j „Alle haben sie Kinder, Alle betteln sie nnr j sür Kinder," wirft der Geistliche dazwischen, wäh-! rend er sich mit vieler Behäbigkeit zu Tische setzt ' und an die Vernichtung des frugalen Mahles macht; i wohl erwachsene Kinder? He?" „Von jedem Alter und jeder'Sorte, Herr;! gut geartete Söhne, fromme Töchter, junge Bursche j und Mädchen, Säuglinge, denen ich Ammen halten! muß; auch altersschwache Greise, die zur Familie! gehören und leben wollen." j Die beiden Männer blicken ungläubig aus. „So zahlreich ist Ihre Familie doch nicht?" „Sehr zahlreich, und Sie haben keine Idee, was das braucht. Das Eine fordert Essen, das Andere ein Gewand; Dieser eine Wohnung, Jene einen Mann. Bald ist ein Kranker zu pflegen, ein Todter zu bestatten, eine Geburt oder eine Hochzeit zu begehen. Alle kommen Sie zu mir, und ich muß immer herhallen." „Also Sie betteln —" „Nicht für mich; Gott bewahre mich! Kommen Sie einmal an einem Freitage zu mir und sehen Sie zu, wie das drängt und fordert. weint und fleht. Ein Jedes will etwas zur Sabbatweihe. Wenn der Arme die Woche über gedarbt und an der Brotkrume genagt, kein Feuer auf dem Herde und keine Faser Fleisch im Magen hatte — wenn er für die hungrigen Kleinen nur einen Seufzer und eine Thräne und zum Trost blos die Aussicht auf den Sabbat hat — kann man da ein Brot und ein Stück Fleisch versagen?" „Und diese Leute sind nicht Ihre Verwandten, oder doch?" „Nein, Herr, ich habe weder Frau noch Kinder, noch Verwandte. Ich stehe ganz allein und kann deshalb Andern gehören. Ich bitte Sie, lieber Freund, was braucht so ein armer Flickschneider, wie ich bin? Ich bin kein Raucher und kein Trinker; die paar Fetzen am Leibe find meine ganze Garderobe; ewige Stunden des Tages mit der Nadel in der Hand ernähren mich. Die übrige Zeit gehört Jenen, die ärmer sind als ich, entweder zu jung oder zu alt zur Arbeit und zu verschämt zum Betteln. Da lauere ich bei Tag und bei Nacht den Reisenden auf, und Niemand "versagt mir eine Gabe. Jene, die mich und meinen Zweck kennen, geben mehr; die Andern weniger; wieder Andere weisen mich anfangs zurück, öffnen aber am Ende doch ihren Beutel für meine Sammelbüchse, die sich die Woche über füllt, um sich Freitags zu leeren." „Und Ihr nehmt wirklich nichts für Euch?" fragte der Geistliche ungläubig. „Nichts," erwidert der Bettler, treuherzig. „Ich braucht auch nicht; was ich habe, genügt mir. Für mich könnte ich keine Hand ausstreckdn: sür Andere thut man es leichter, besonders wenn diese Andern wirklich so arm und unglücklich sind, wenn man weiß, wie diese Ausgehungerten, halbnackten Gestalten mit hohlen, gierigen Augen ungeduldig der Hilfe warten, die ich ihnen allwöchentlich bringe. Was gelten mir da die ausgeftandenen Demüthigungen und die gehabten Mühen? Alles ist verwunden und ich bin so glücklich, daß ich befürchte, jenseits dafür keinen Lohn zu finden."