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Der Israelit · 1875-04-28 · Heft 17 (28.4.1875) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
16 (1875)
Issue
Heft 17 (28.4.1875)
Date
1875-04-28
Page
– (sequence 10)
Language
German
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370 mer mehr Wahrheilen entdecke, die ja alle ihn einen Schritt näher bringen der ewigen Wahrheit, durch die er immer mehr erkennt, daß er auf dem rechten Wege ist, daß er seine Aufgabe erfaßt und erfüllt, daß er endlich mit seinem Schöpfer in Verbindung und schafft und wirkt nach seinem Plane und in Seinem Geiste. Es mag fein, daß ein ziemlich großer Theil den Zweck des Lebens richtig erfaßt und den guten Willen hat, danach zu leben; aber sehr selten den Muth zur That sich durchs ganze Leben bewahrt. Das Judenthum aber hat in seiner großen Mehrheit und durch Jahrtausende stets sich diesen nothwendigen Muth, wenn auch nicht immer in einzelnen Thaten, so doch im großen Ganzen, erhalten. Es har nie geschwankt, seiner Ueberzeugung auch das größte Opfer zu bringen. Mit Freuden hat der Jude zu allen Zeiten sein Leben hingegeben, wenn man ihm keine andere Wahl ließ,' als den Tod oder die Leugnung seiner Gottesanschauung. Ohne diese hat für ihn das Leben keinen Werth; es wäre nach der jüdischen Anschauung ein ganz verfehltes. Und wenn die Materialisten über solche — Thorheit, wie sie es nennen, lächeln, und die modernen Juden solchen Opfermuth ihrer Ahnen gar nicht begreifen können und für höchst überflüssig und nutzlos erklären, so zeigt das bloß, daß jene sich nicht zu solcher Geisteshöhe Hinausschwingen, nicht hinaufdenken können und daß sie von ihrer „höchsten Wahrheit" nicht so fest überzeugt sind, daß ohne sie das Leben ihnen werthlos erschiene. „Wahrheit über Alles" war dem Judenthum keine Phrase, und es wird hoffentlich für alle Zeiten den Juden im Allgemeinen diese Wahrheit, die wir seit Jahrtausenden durch den erhabenen und erleuchteten Geist unseres Vaters Abraham besitzen, über Alles gehen, selbst über — Darwinismus und andere moderne Ideen, die der jüdischen GotteSidee entgegen sind. So groß der Nutzen der jüd. Gottesidee für die Menschheit im Ganzen schon gewesen, so wird dennoch bei Weitem größer und bedeutender die Wichtigkeit derselben hervortreten, wenn man ihr näher kommt. Denn sie allein enthält das Moment in sich, welches ein Weltenbündniß ermöglicht, welches ein Band um alle Menschen schlingt, daß sie sich Alle als Bekenner der ewigen Wahrheit, als Kinder des einen Vaters, des Weltenschöpfers endlich zum Frieden die Bruderhand'reichen. Nach der modernen Anschauung wäre ein solches „goldenes" Zeitalter ein schöner Traum, der sich wohl «ie verwirklichen dürfte. Denn trotz der geistigen Entwickelung, desich immer mehr ausbildenden Rechtsbewußtseins und der allgemeineren Anerkennung der Menschenrechte wäre es nicht leicht denkbar, daß Friede, ewiger Friede fortan herrschen könnte, weil die Menschennatur wohl immer sich gleich bleiben wird, und diese strebt mit all ihren Kräften nach Freiheit und Selbstständigkeit, sorgt vor Allem für das einzelne Individuum. Nur die unerschütterliche Ueberzeugung von der höchsten Wahrheit kann diesen egoistischen, ja herrschsüchtigen und darum sriedenstörenden Naturtrieb unterdrücken, kann wahren Frieden herbeiführen, da er dann auf dem inner« Frieden beruht- Wenn einmal die Menschheit zu der Ueberzeugung gekommen sein wird, daß nur Gott die Welt geschaffen, und der Mensch sein edelstes Geschöpf ist, das durch seine Handlungen diese Wahrheit bestätigen soll, dann wird auch der Zwist und Hader unter den Menschen aufhören, dann wird das verderbliche Eisen umwandelt zur Pflugschaar, nur bestimmt, der Erde Wunden zu reißen, damit sie aufnehme in ihren Schooß das Samenkorn, es entwickele und hervorkeimen lasse zum Reiche des himmlichen Lichts. Möge so die in unserm Innern dunkel liegende Wahrheit endlich einmal zum Lichte sich emporringcn, möge die Gottesidee siegen über die irdischen Götzen. Das Judenthum, das sich dieser erhabenen Gottesidee erfreut und dieser seine wunderbare Erhaltung zu verdanken hat, möge dazu recht kräftig beitragen. Dann aber muß die Phrase schwinden, und an deren Stelle der Muth der Ueberzeugung von der Wahrheit unseres Glaubens treten, der sich nicht scheut, diese Wahrheit zu vertheidigen, gegen Wen und Was es auch immer sei; denn, wir wiederholen, was wir schon einmal gesagt, kein philosophisches System, keine moderne Theorie wird etwas Besseres und Wahres bieten können, als es die jüdische Gottesidee ist, die wir in unserer heiligen Lehre ausgesprochen finden, die wir auf dem Wege, den diese Lehre uns vorschreibt, aber auch zum Ausdruck bringen muffen. Denn nur im Verein mit unseren jüdischen Religionsgesetzen können wir die jüdische GotteSidee im Kampfe der Zeiten erhalten, und ganz besonders gilt das in unserer Zeit, wo die Ideen, kaum gereist, wieder durch andere verdrängt werden, wo man sich kaum Zeit nimmt, zu unterscheiden zwischen Phrase und Wahrheit. So unschuldig auch sonst wohl manche Phrase sein mag, hier, wo es sich um die GotteSidee handelt, ist sie das schwerste Verbrechen, das Jemand gegen sich selbst begehen konnte. Darum möge man,'selbst auf die Gefahr hin, nicht zu den „Gebildeten" gezählt zu werden, etwas vorsichtiger mit solchen Schlagwörtern sein. Besser ist es, etwas weniger gebildet, als weniger ehrlich und wahrheitsliebend gegen sich selbst zu sein.

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