Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 17 (28.4.1875)
- Date
- 1875-04-28
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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368 »Essen können Sie schon Alles, wie ich mich seit gestern schon oft genug überzeugte", bemerkte sein Reisegefährte vertraulich lächelnd, „aber ob Sie hier etwas Rechtes bekommen, möchte ich doch bezweifeln." Der Geistliche machte ein bestürztes Gesicht. „Die Leute sagten doch, sie hätten Alles?" „Ei, das ist hier Redensart; das kenne ich. Nun, Frau Wirthin, was können Sie zwei hungrigen Reifenden bieten?" „Was wünschen die Herren?" gegenfragte Jene. „Fleisch, wenn's frisch." „Fleisch? Fleisch haben wir nicht; hier im Orte wird nicht jeden Tag geschlachtet." „Fische doch V* „Fische? Fische Robert wir nur selten." „Also gar nichts!" ruft der Geistliche in gelinder Verzweiflung. „Alles, was der Herr wünschen", versichert die Frau. „Wir wünschen, was Sie nicht haben, und möchten nicht das, was Sie haben. Gute Nacht!" Der hungrige Passagier kehrt, während fein Gefährte schadenfroh kichert, der armen Frau den Rücken und diese schickt sich eben an, das Zimmer zu verlassen. Ein Schrei der Verzweiflung vom Canapb, wo sich der geistliche Herr unwillig hingestreckt, kommend, halt sie ay der Schwelle zurück. „Also wirklich absolut gar nichts?" ruft der hungergeplagte Mann. „O, im Gegentheile, Alles, was Sie wünschen: Milch, Butter, Eier, Häring, Kaffee, SchnapS und Bier. Auch Meth, Herr; alten, guten Meth." „Das Alles ist für die Fasten, doch immerhin lieber als Hunger und Durst: bringet uns, was Ihr wollt; nur schnell! Hierzulande" — fügt der Geistliche zu seinem Mitreisenden gewendet hinzu — „hierzulande soll man ohne Wurst und Schinken nicht über die Schwelle gehen!" Und in einem Anfalle komischen Unmuthes schreit er: „Sie, Sie haben mich hergebracht; Sie haben mir diesen Streich gespielt, den ich Ihnen nie vergeben werde! Ich wäre gern in Z. geblieben, wo Alles so vortrefflich war; aber Sie haben noch drei Meilen rennen wollen, als ob Ihnen Lemberg davonliefe und Sie nachsetzen müßten; nun haben Sie's — — nicht ein Bissen Fleisch, nicht eine Flasche Wein im Hause — ich soll von Butter und Meth fett werden!" Hin und her rennen die armen WirthSleute, das Beste dringend, waS sie besitzen, ihre vornehmen Gäste zu bedienen, vnd mit zuckenden Lippen schaut der arme Geistliche den Vorbereitungen zu dem frugalen Mahle zu. „Messer! Bringt Messer!" „Gleich! ' Und aus seiner Hosentasche einen ziemlich ehrwürdigen, vielgebrauchten und wenig blanken Tafchenfeitel ziehend, legt der Wirth ihn mit allem Anstande auf den Tisch. „Bei uns", sagt er, die erschrockene Miene im Gesichte der beiden Fremden bemerkend, „bei uns führt Jedermann sein eigenes Brodmesser; ein anderes habe ich nicht." „Ein Messer oder kein Messer, Hauptsache bleibt Essen und Essen!" ruft dazwischen eine fremde Stimme und urplötzlich, als wär's aus dem Boden gewachsen, steht ein kleines, bärtiges Männchen da, ein Mensch im Duodezformat, mit zwei langen Haarbüscheln am Kopf, mit wallendem, von keinem Messer und keiner Scheere je berührtem, von keinem Kamme je gepeinigten Barte, im langen, schwarzen, am Gürtel mittelst einer dicken Binde zusammengehaltenen Kaftan, über dem sammtenen Käppchen eine hohe Pelzmütze, in kurzen, am Knie über den bauuiwollenen Strümpfen von zweifelhafter Weiße befestigten Beinkleidern und schwarzen schweren Pantoffeln, mit denen er bei raschem Gange ein der Klapperschlange ähnliches Geräusch macht. Im Momente hat er einen der zwei Reifenden als StammeSgenossen erkannt, und ihm seine Hand in familiäre Weife entgegenhaltend, ruft er ihm sein „Schalem Aleichem!" zu. ES ist ein curioses, sonderbares Wesen, dieses kleine Männ- > chen, das zu so später Nachtstunde die Reisenden mit seinem Besuche beehrt. Hat die Cultur auf die slavischen Völker und Länder überhaupt nur schräge Strahlen geworfen, so ließ sie jene Dörfer und Märkte, die abseits der großen Verkehrswege liegen, vollständig im Dunkel alter Zeiten. Die I Zeit steht hier stille. Die großen Umwälzungen, I welche anderswo die Verhältmsse umgestalten, ziehen I hier nur schwache Kreise, wie der Kiesel, der in's I Wasser fallt. Dieselben schlechten Wege, dieselben | elenden Hütten, dieselben verkümmerten Thier-Racen, > dieselben primitiven Werkzeuge für Haus und Feld, I dieselbe Tracht. (Fortsetzung folgt.) I Hierzu vier Beilagen. Verantwortliche Redacrion: vr. Lehmann. — Verlag der Le Rorrx'schen Hofbuchhandlung. 2. Gottsleben's Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).