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Der Israelit · 1875-04-28 · Heft 17 (28.4.1875) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
16 (1875)
Issue
Heft 17 (28.4.1875)
Date
1875-04-28
Page
– (sequence 7)
Language
German
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367 da drinnen noch waches Leben verraih. Und in der That sitzen noch einige verspätete Zecher um den langen eichenen Tisch, die kleinen zinnernen Becher vor ihnen, während in der Nähe der Thüre, rund um den großen grünen Kachelofen, einige arme Reisende, im Chor schnarchend, die müden Köpfe auf den leichten Bündeln, schlafen, Männer, die daheim nichts zurückgelassen, auf die Reise nichts mitzunehmen haben und die im Leben keine andere Erholung kennen als die kurze Nachtruhe auf dem harten Boden einer Gaststube. Am Schenktische sitzt ein Weib, dem Geplauder der Gäste zuhörend und sie bedienend; neben demselben der bärtige langlockige Ehegespons, auf dem Kopfe ein schwarzes Sammetkäppchen, im Munde eine kurzstielige, erloschene Tabakspfeife, zuweilen einnickend, bis der schlafschwere Kopf an die Tischplatte stößt und er, jäh erwachend, sich die müden Augen reibt, einige kräftige Züge aus der kalten Pfeife zieht und wieder einschläft. Eine kleine Naphta-Lampe an der Zimmerdecke kämpft vergeblich, die Dunkelheit, welche alle Gegenstände wie in eine halblichte Wolke hüllt, zu besiegen, ebenso erfolglos wie das dünne Talglicht, das auf dem Schanktische im schlanken Halse einer Flasche steckt. Aus dem großen, breiten Herde glimmen noch einige Holzkohlen und brodelt es in ein paarirdenen Töpfen unbekannten Inhalts. Die Lust in diesem Zimmer ist schwül, dumpf, mephitisch, und es bedarf gar tüchtiger Lungen, um sie zu verarbeiten. An diese Stube reihen sich einige kleinere Zimmer, in denen die Familie des Rendars*), das Hausgesinde, das Hausgeflügel und jene Fremden wohnen, die hier ihre wenig beneidenswerthe Nachtruhe suchen. Bürste und Besen haben lange diese Räume verschont, in denen die Spinne in ungestörtem Frieden ihre Netze zieht und der Staub den Menschen an seinen Ursprung und an sein Ende mahnt. Die Möbel verschiedener Farbe und Fa<??n, altersschwach und baufällig, wackeln bei jedem Tritt eines etwas festeren Schrittes über die morschen Dielen, an denen in lauschigen Winkeln, hinter Sopha und Bett, der Pilz behaglich wuchert. Und doch, wie wohl thut es dem müden Reisenden, nach der langen beschwerlichen Tagreise hier einige Stunden der Ruhe zu pflegen! Man muß eben in Galizien gereist sein, mit Kutschern, die ewig durstig, mit Pferden, die me satt sind und vor jedem Wirthshause an der Straße stehen bleiben, Jene um zu trinken, diese um ihr Bündel Heu zu fressen — man muß vor primitiven Dorsschmieden, in denen die Erzeugung eines Huf- *) WirlhShauspächter. eifeus länger als die von hundert Sensen durch steierische Cyklopen dauert, stundenlang die verlorene Geduld gesucht und im federlosen Wagen auf holperigen Wegen Marterqualen gelitten haben, um die Wohlthat einer Rast selbst in solchen Wirthshäufern zu ermessen. Einige heftige Schläge am Einfahrtsthor zeigen die Ankunft verspäteter Reisender an. Sofort stürzen Wirth und Wirthin, diese einen brennenden Holzspan, jener ein Talglicht in der Hand, in den Flur, um die Gäste zu empfangen, welche in einer langen, schwerfälligen, knarrender Dudka*) hereinfahren. Und diese Leuchte thut noth, denn aus dem anstoßenden, durch keinen Hof getrennten Stall fließt die Jauche bis an die Schwelle der großen Gaststube, so daß man nur vorsichtig den Fuß vorsetzen kann, will man nicht durch dm stinkenden Schlamm, der mit seinen pestilenzialischen Dämpfen das ganze Hans schwängert, waten. Zwei Männer steigen, an den Kleidern Strohhalme und Heu nachschleppend, aus dem Gefährte; der Eine in der Tracht eines katholischen Geistlichen, der Andere, obschon äußerlich vollständig germanisirt, trägt das Gepräge jenes Stammes, der „gefällt, zerschmettert, doch nicht verdorrt", seine Aeste über die ganze bewohnte Welt ausdehnt; jener zahlreichen Familie, die, seit schier zwei Jahrtausenden an einem harten Verhängnisse schleifend und aus tausend Wunden blutend, ihren Weg durch die Weltgeschichte mit ungezählten Leichen bezeichnet, aber niemals ausstirbt, sondern stets auf's Neue erblüht. „Habt Ihr ein Zimmer über Nacht?" frug der Eine. „Vier, wenn Sie wollen." „Um drei zu viel", versetzte der Geistliche, „dagegen müssen wir was zu essen haben, wir hungern seit sechs Stunden." „Was Sie wollen, gnädiger Herr, Sie können Alles haben", knixte die freundliche Wirthin. Und die Reisenden treten ein. Die Wirthin leuchtet, der Wirth folgt, die Bauern erheben sich, trinken ihre letzten Becher und entfernen sich. In einem der anstoßenden Zimmer stehen zwei fertige, von einer langen Reihe von Reisenden bereits gebrauchte Betten und ein alterschwaches Canape, von dessen morschen, in Stroh gepackten Gliedern Fetzen herunterhängen und das tief stöhnt, als der geistliche Herr seine schwere Last auf dasselbe wirft. „Also, was kann ich essen?" fragt der fromme Mann, der diese Frage sehr häufig gebrauchte. *) Ein mit Reisen überspannter und mit Leinwand zeltartig überzogener Wagen, der, mit Stroh oder Heu zur Hälfte gefüllt, für vier bis sechs Personen Raum hat.

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