Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 17 (28.4.1875)
- Date
- 1875-04-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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362 zu finden, so nahm man sie, wo immer man solche fand. Einmal kam es sogar vor, daß man die Gerste in Gaggoth Zerifin, weit von Jerusalem, schneiden mußte, weil in der Nähe der heiligen Stadt alle Felder von den feindlichen Schaareu waren verwüstet worden. Es war nämlich in jener traurigen Zeit, da der Bruderkrieg zwischen den Prinzen aus dem hasmonäischen Königshanse wüthete. Hirkanos belagerte seinen Bruder Aristobulos, der in Jerusalem sich vertheidigte. Als die Zeit des Omer-Opfers herankam, da lagen öde die verwüsteten Felder und das Synhedrium ließ öffentlich Jedermann auffordern doch zu sagen, wo reife Gerste auf dem Felde zu finden sei. Da wies ein Stummer mit der einen Hand auf ein Dach und mit der andern auf eine spitze, aus Weidenzweigen verfertigte Schäferhülte *)’■**. Ein weise» Mitglied des Synhedrium erkannte den Sinn dieser Zeichensprache, und man fragte: Gibt es einen Ort, der Gaggoth Zerifin oder Zerifin Gaggoth heißt? Nach sorgfältiger Nachforschung fand man den kleinen, wenig bekannten Ort und fand dort reife Gerste ans dem Felde, geeignet zum Omer-Schneiden. (Menachoth <'>4b) Das Schneiden des Omer ging unter großen Vorbereitungen, mit großer Feierlichkeit und größtmöglicher Oeffentlichkeit vor sich. Schon am Tage vor dem Pcßachfeste gingen die Abgesandten des Beth-Din pinaus auf's Feld, um Alles für die Ernte vorzubercllen. Am Vorabend des zweiten Festtages gingen drei Männer mit drei Sensen und drei Gefäßen hinaus; auf dem Felle strömte eine große Volksmenge, von allen umliegenden Ortschaften her, zusammen. Sobald es Nacht geworden, fragte man: „Ist die Sonne untergegangen?" — „Ja!" rief cs von allen Seiten. Die Frage wurde dreimal wiederholt und ebenso die Antwort. „Mit dieser Sense.?" fragte man weiter, und wiederum erscholl ein allseitiges „Ja!" „In dieses Faß?" — „Ja!" rief man, und jede Frage und jede Antwort wurde dreimal wiederholt. ~ Fiel nun der erste Tag des Peßachfestes auf einen Freitag, so mußte die Omer- Gerste Freitag Abends, also am Sabbat geschnitten werden; denn jedes Opfer, dessen Zeit fest bestimmt ist, verdrängt die Sabbatruhe. "In diesem Falle fragte man: ,,Än diesem Sabbat?" „Ja!" rief man. „Soll ich schneiden?" „Schneide", lautete die Antwort, und auch diese Fragen und diese Antworten wurden dreimal wiederholt. Unsere Weisen haben deßhalb das Omer- Schneiden mit solcher Feierlichkeit und Oeffentlichkeit umgeben, weil eine damals existirende Religionssecte, die Beothosianer D’Dirro, die großen Einfluß aus die späteren hasmonäischen Könige hatten, behaupteten und es durchsetzen wollten, daß die Darbringung deS Omer stets am ersten Wochentage zu geschehen habe. Diese Beothosianer, die sich von den Sadducäern o’pny sehr wenig unterschieden, waren die Anhänger der Lehren von Zadok und Beothos, die wiederum Schüler des großen Antigonos aus Socho waren. Den Ausspruch des Antigonos im ersten Capitel der Sprüche der Väter, daß man Gott nicht dienen solle um des Lohnes willen, hatten Zadok und Beothos dahin mißverstanden, daß es gar keinen Lohn — also auch keine Strafe, also auch kein ewiges Leben, kein Jenseits gebe. Sie verwarfen in Folge dessen die gefammte mündliche Lehre und hielten sich nur an den Wortlaut der Schrift. Sie deuteten daher hüsti mnoo w'cht, wie es richtig ist, am Tage nach der Feier, also am zwnten Tage ncc, sondern sie erklärten: am Tage nach dem Sabbat, also am ersten Wochentage. Große Anstrengungen machten die Beothosianer ihre falsche Meinung durchzusetzen. Unter den Großen und Vornehmen fand ihre Lehre Anklang. Denn wenn es kein jenseitiges Leben, keinen Lohn und keine Strafe gibt , so ist die größte Lebensweisheit, das diesseitige Leben soviel als möglich zu genießen, eine Lehre, die stets bei den Neichen und Mächtigen Anklang finden wird. Ein Jeder erkennt leicht, daß, wenn die Lehrmeinungen der Sadducäer und Beothosianer durchgedrungen, daß dann die Grundsäulen des Judenthums vernichtet worden wären. Die Weisen der damaligen Zeit setzten daher jene Tage, an welchen es gelang, die Sectirer abznweisen, als Halbfeiertage ein, die gefeiert wurden, solange der heilige Tempel stand,' und das Schneiden der Omer-Gerste umgaben sie mit großer Feierlichkeit und Oeffentlichkeit, damit alle Welt erkenne, daß nicht der Auslegung der Sadducäer und Beothosianer gemäß verfahren werde. So traten die Weisen Israels den damaligen Sectirer gegenüber, indem sie auf Alles das größte Gewicht legten,- was die innern Feinde des Judenthums bestritten. So ist es auch heute unsere Pflicht, mit der größten Energie Das zu erhalten und zu wahren, was die modernen Sectirer, die sogenannten Reformer, uns rauben wollen. Wie es heute keine Sadducäer und Beothosianer mehr gibt, so werden auch die modernen Gegner der göttlichen Lehre verschwinden Ob'pb dip1 n'piVN “iim, aber das Wort unseres Gottes wird ewiglich bestehen. (Fortsetzung folgt )