Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1875-04-14 · Heft 15-16 (14.4.1875) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
16 (1875)
Issue
Heft 15-16 (14.4.1875)
Date
1875-04-14
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2446951-2447603-2447617--11451-2467236
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

XYI. Jahrgang. Erste Beilage;u Ar. 15 L 1k des Israelit. Leitender Artikel. Me Idee des Zudcnthums. Von vr. H. Sänger. VI. Die dritte Frage, die wir uns zur Beantwortung vorgelegt, lautet: Ist es wahr, daß wir heute auf einem solch hohen Standpunkte stehen, daß wir sicher die Einheitsidee uns erhalten werden? Auf welchem Standpunkte stehen wir denn heute? Auf dem Standpunkte des Fortschritts, der Vernunft, kurz auf dem der Wissenschaft im Gegensatz zu dem des blinden Glaubens. Welchen Standpunkt nimmt nun heute die Wissenschaft der Gottesidee gegenüber ein? Theilweise erkennt sie gar keinen Schöpfer an und theilweise gibt sie zwar zu, daß man wohl einen Schöpfer annehmen könne, der aber höchstens den Stoff geschaffen und in ihn die Kraft zur Entwickelung und Weiterbildung gelegt habe. Die Welt aber, wie sie heute sich unseren Blicken bietet, sei nur ein Produkt dieser Entwickelung, eines, wenn auch nach bestimmten Gesetzen vor sich gegangenen Entwickelungprocesses, doch immer nur Produkt einer blinden Kraft. Denn aus dem Urftoff habe sich in Jahrmillionen erst die Welt entwickelt. „Der Mensch also sei nicht Geschöpf Gottes, sondern Produkt eines blinden Zu- „falles." Nun wird aber sicherlich Niemand behaupten wollen, daß diese Anschauungsweise mit der „Idee des Judenthums" übereinstimme; sie geht vielmehr so weit von dieser auseinander, wie Himmel und Erde von einander getrennt sind. Der jüdische Gottesbegriff ist heute von der modernen Gelehrtenwelt aufgegeben, ob für die Dauer, das lassen wir dahingestellt sein. Was bleibt nun aber dem echten Fortschrittsmanne consequenterweife anderes übrig, als sich der zeitgemäßeren, auf wissenschaftliche Resultate gegründeten Anschauung, der Idee von der allbelebenden Natur als einzig schöpferischen Kraft, anzuschließen? Ist ja nach der Ansicht der modernen Gelehrtenwelt die jüdische Gottesanschauung einfacher Glaube, während Ueberzeugung, gewonnen durch gewissenhafte Forschung, durch unwiderlegliche wissenschaftliche Beweise, auf ihrer Seite zu finden und noch dazu von der Vernunft, dem einzig sicheren Mittel zum Erkennen der Wahrheit, unterstützt werde. Was kann nun Derjenige, welcher das jüdische Gesetz außer Kraft setzt, der die Bibel mit ihrer Schöpfungsgeschichte als Menfchenwerk erklärt, dieser Lehre der Neuzeit entgegenhalten? Seine Ueberzeugung? Worauf gründet sich diese? werden jene mit Recht dagegen fragen. Auf bloßes Nachdenken? Speculative Forschung hat für die Gelehrten der Neuzeit keinen Werth; sie stützen sich nur auf Thatsachen und diese Thatsachen, behaupten sie, sprechen gegen alle Tradition und gegen all das bisher Geglaubte und für wahr Gehaltene. Wird die Phrase dagegen Stand halten können? Ja, wird sie es überhaupt nur ernstlich wagen, gegen die Resultate der Neuzeit, der auch sie mit Herz und Seele huldigt, aufzutreten und ihre „Idee des Judenthums" zu vertheidigen. Ein solcher würde sich nur ein mitleidiges Lächeln über seine veralteten Ideen zuziehen, und das könnte er um Alles in der Welt nicht ertragen, denn dieses Verlachtwerden ist dem modernen Juden der „schrecklichste der Schrecken." Nun könnte man freilich behaupten, daß man trotz den entgegenstehenden Resultaten der Wissenschaft an der Idee des einen Gottes fefthalten werde, weil wir ja doch unfern Gottesbegriff als Produkt unserer Vernunft gewonnen, und wir daher den heutigen Gelehrten gegenüber, die nicht auf die reine Vernunft allein sich verlassen, sondern die praktischen Erfahrungen zur Grundlage ihres Denkens nehmen, unsere innerste vernunftgemäße Ueberzeugung aufreckt erhalten werden, um so mehr, da uns der Gottesbegriff nicht bloßes Resultat unseres Denkens, sondern da er auch mit unserm Innern übereinstimmt und gleichsam hervorgegangen aus unserem Innern selbst, so daß wir von der Wahrheit dieses Begriffes unerschütterlich fest durchdrungen sind. — Und doch bleibt diese Behauptung nur Phrase. Denn diese „Idee des Judenthums", die man so hoch zu schätzen vorgibt, ist bei den Wenigsten ein Produkt des eigenen Nachdenkens, sondern ein überkommener Glaube; man ist aber ebensowenig innerlich von dieser Idee überzeugt und durchdrungen, wie von den jüdischen Gesetzen. Und nur weil man sich wegen dieser Nichtbeachtung des jüdischen Gesetzes als Jude dem Juden gegenüber zu vertheidigen gezwungen ist, wenn man sich nicht auf den vollständig atheistischen Standpunkt offen hinstellen will, greift man zu diesem Auskunftsmittel von

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.