Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 15-16 (14.4.1875)
- Date
- 1875-04-14
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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328 Mitleids. Gott segne Dich, Du gute Schwester, in dem Maaße wie Du es verdienst! — Dein unglücklicher Bruder Adolphs. Es war eine schreckliche, trostlose Zeit, die nunmehr für Philippine anbrach. Zunächst eilte sie auf die Polizei, um womöglich ihren Bruder an der Ausführung feines verzweifelten Entschlusses verhindern zu lassen. Die Behörde ließ es an gegeeigneten Schritten nicht fehlen. Telegramme flogen nach allen Weltgegenden; doch hatten sie nicht den geringsten Erfolg; Adolph Wagener blieb verschwunden. Unterdeß hatte sich das Gerücht von der Entweichung des vermeintlich so reichen Banquiers in der ganzen Stadt verbreitet. Von allen Seiten eilten die Gläubiger herbei, um Befriedigung ihrer Forderungen zu erlangen. Die Behörde sah sich gezwungen, den Concours auszusprechen und an die Habe des Verschwundenen die Siegel zu legen. Später wurde Alles öffentlich versteigert, und da sich Frau Wagener mehrfach für ihren Gatten verbürgt hatte, fö blieb dem kleinen Arthur nichts auf der Welt als die Liebe seiner Tante. Diese hatte den Knaben bei sich ausgenommen. Anfangs war derselbe sehr verschlossen und durch nichts zu erheitern. Weil der Knabe schon sehr verständig war, so fühlte er die Schwere des Unglücks, das über ihn hereingebrochen wie ein Erwachsener. Das unglückliche Kind schien nur noch eine Hoffnung zu haben, nur noch einer Erwartung zu leben: er harrte von Tage zu Tage der Wiederkehr seines Vaters. Unterdeß wurde eS Frühling; die Sonne gewann an Kraft und schmolz die Eisdecke der Ströme, die wochenlang eine feste Brücke gebildet hatte. Da wurde viele Meilen von N. eine Leiche an das Land gespült. Fischer, welche die Leiche fanden, machten die Anzeige bei der Behörde. Eine Vorgefundene Brieftasche wies nach, daß es Adolph Wageners Leiche war; der Unglückliche hatte in den Fluthen des Stromes sein Leben geendet und das bald nachher eingetretene Frostwetter hatte verhindert, daß der Leichnam früher an das Land gespült war worden. Diese schreckliche Nachricht warf Arthur auf das Krankenlager; ein hitziges Fieber hatte sich des Knaben bemächtigt und drohte, seine Lebenskraft zu zerstören. Jetzt nun offenbarten sich die herrlichen Eigenschaften Philippinens auf das Glänzendste. Keine Mutter konnte mit größerer Sorgfalt über ihr Kind wachen als Philippiene es that dem Knaben gegenüber, der ihr doch bisher ganz fremd gewesen war. Sie gönnte sich weder Schlaf noch eine andere Erholung. Tag und Nacht saß sie am Bette des Kranken und schlummertr nur dann, wenn der Knabe schlief. Doch bei der! geringsten Bewegung erwachteste, um ihmArzenei zu reichen oder ihm die Kissen zurecht zu schieben. Und Gott belohnte ihre Aufopferung. Nach neun Tagen ließ das Fieber nach, und die Aerzte erklärten, daß die größte Gefahr vorüber fei. Aber auch jetzt ließ sie es an sorgfältigster Pflege nicht fehlen. Clothilde war während dieser schweren Zeit anz auf sich selbst angewiesen, und gerade das atte auf sie den besten Einfluß geübt. Sie sah mit dem größten Erstaunen die Sorgfalt und Liebe, welche die Tante dem mit dem Tode ringenden Arthur zu Theil werden ließ. Das Kind war nicht schlecht; eS war nur gründlich verzogen! worden. | „Ob mich die Tante wohl auch so pflegen , würde", dachte sie, „wenn ich krank wäre? Ob sie! mich wohl auch so lieb hat wie den armen Arthur?! Ich möchte wohl krank werden. um daS zu probiren. j Aber doch nicht jetzt; denn jetzt hat ja die Tante! keine Zeit; jetzt muß sie bei Arthur bleiben. Aber; ich will sie nicht mehr quälen, damit sie mich auch liebgewinne". Mit diesen kindlichen Betrachtungen war der erste Grund zur Besserung gelegt. Das Unkraut, welches die verkehrte Erziehung der Eltern gesät und großgezogen hatte, war im Absterben begriffen, und damit war der Boden für edlere Saat gewonnen. Als nach einigen Tagen die Tante der kleinen Nichte die Mittheilung machte, daß Arthur vollständig außer Gefahr sei und bald das Bett verlaffen dürfe, da warf sich Clotilde an Philippinens Brust und rief: „Liebe, herzige Tante, wie froh bin ich!" Es war das erste Mal, daß sie der Tante gegenüber sich zärtlich bewies. Diese aber küßte sie und sprach: „Ich glaube, ich habe nicht nur in Arthur einen Sohn, ich habe in Dir eine Tochter gewonnen. (Siehe den Schluß in der ersten Beilage). Hierzu vier Beilagen. Verantwortliche Redaktion: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'fchen Hofbuchhandlung. I. GottSleben'S Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).