Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 15-16 (14.4.1875)
- Date
- 1875-04-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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322 ’JN WHp '3 O'M-IP ON".->1 „Und Ihr sollt Euch heiligen und heilig sein, denn heilig bin Ich." (IIL B. M., C. 44, V. 11.) Dereinst wallten unsere Voreltern hinauf zum heiligen Tempel nach Jerusalem, um am 14. Tage des Monats Nissan das Ueberschreitungsopfer darzubringen in den Vorhöfen Gottes. Auf dem Tempelberge erschien eine unabsehhare Menschenmenge, von der jedoch vorerst nur ein Drittheil Zutritt fand. Drinnen warteten schon die Priester in langen Reihen mit goldenen und silbernen Becken, um das Blut der Opfer aufzufangen und es zu bringen an den Altar, während die Lewiten Loblieder sangen dem Herrn des Weltalls, dem Befreier von der Knechtschaft. Nach Hunderttausenden zählten oft die Opfernden, und das vergossene Blut der Opferthiere bedeckte fußhoch den Estrich. Dann wurde die erste Abtheilung entlassen, der Vorhof wurde vom Blute gereinigt, worauf die zweite Abtheilung erschien, der nach der Vollendung des Dienstes die dritte folgte, teizn my bnp, Kahal, Edah und Jisrael. In Trümmer ist das Haus unseres Gottes zerfallen, aufgehört hat der Opferdienst, und das Gebet bietet uns Ersatz, weihet unsre Seele und erhebt sie zu Gott. Die besonder» Festgebete otsvs, bringen uns in Erinnerung die entschwundene Herrlichkeit. Wie thöricht sind doch Jene, die diese so schönen und erhabenen Gebete aus der Synagoge, aus dem Gebetbuche, aus der Andacht der Gemeinde verbannen! Unter dem Vorwände, daß diese schönen Gebete nicht mehr verstanden werden, daß sie den Gottesdienst unnöthig verlängern, werden sie entfernt, und damit entschwindet der eigentliche Charakter des Festes mehr und mehr dem Bewußtsein des Volkes. Gleichen diese Thoren nicht Dem, der Diamanten besitzt und weil er ihren Werth nicht kennt, sie ins Meer wirft? Wäre es nicht viel angemessener, dafür Sorge zu tragen, daß das Volk, daß die Jugend unsere heilige Sprache besser kennen lerne — unsere Sprache, in der Gott sich dem Moscheh offenbart hat, die in der Verbannung das Band ist, welches die weithin versprengten Glieder unseres Volkskörpers verbindet! Wieviele erhabene, große Ideen sind in den Piutim enthalten, wie viele Andeutungen aus uns oft fern liegenden Midraschim, wie viele religiöse Vorschriften sind dort niedergelegt! Und ist cs denn so gar schwer, sich heutzutage das Verständniß derselben zu erschließen? Besitzen wir nicht vorzügliche Uebersetzungen und leichtfaßliche Commentare? Und was die Verlängerung des Gottesdienstes betrifft — wo können wir denn an den Feiertagen unsere Zeit besser zubringen, als im Gotteshause, als beim Gebete? Unterscheiden wir uns doch dadurch so vortheilhaft von den Bekenner» anderer Religionen, daß wir unsre Ruhe- und Feiertage i» religiöser Weihe zubringen und in stiller Bescharlichkeit, nicht aber in Saus und Braus, in Tary- und Trinkgelagen! Der Nichtjude wird durch seine Sonn- und Feiertage abgestumpft und dem verjubelten Sonntag folgt der „blaue" Montag, während der Jude durch seine Ruhetage wieder,eue Kraft zur Arbeit gewinnt. Die Sabbate und Feiertage mit ihren besonder» Gebeten, mit ihren Vorträgen in religiösen Vereinen, mit ihrer Lectüre religiöser Schriften heben den Juden empor in eine Welt reingeistiger Interessen, verhüten, daß er versinke in den Schmutz der Alltäglichkeit, gewähren ihm eine Fülle reines, nie zu raubenden Glückes und verhindern es, daß er jemals ganz unglücklich werde. Sie sind ran n^y pyo, eine Art Vorgenuß des künftigen Lebens. II. Aber nicht nur an Sabbaten und Feiertagen, nicht nur im Gotteshause sind wir zum Dienste unseres Vaters im Himmel berufen, sondern immer und stetig, in jedem Augenblicke unseres Lebens. Deßhalb haben wir auch nicht nur kirchliche Feiertage wie die Angehörigen , anderer Religionen, sondern die Festtage selbst bringen uns eine Fülle von Gottesgeboten, deren sorgfältige Uebung uns heilige Pflicht ist. So das herannahende Peßachfest.' Unsere ganze Haushaltung wird umwandelt; zum Genüsse verboten wird, was das ganze Jahr hindurch erlaubt war, und schon der Eingang des Festes, d-e Seder-Nächte, sind dazu angethan, das Gemüths- und Geistesleben innerhalb der jüdischen Familie zu kräftigen, wir kaum etwas Anderes in der Welt. Was sind dagegen die vielgerühmten Familien-Feste der andern Nationen? In den Seder-Nächten thront der ärmste, der geringste jüdische Hausvater gleich einem Könige , in der Mitte der Seinen und sein Weib ist seine Königin. Aber auch der Reichste und Vornehmste, der geistig Hochbegabteste muß sich herablaffen zu seinen kleinen Kindern, die noch nicht zu fragen verstehen, zu seinen- Dienstboten und Arbeitern, muß ihnen vom Auszuge aus Mizrajim berichten, muß ihnen die Agadah erklären» von der Güte Gottes erzählen und von all den Wundern, die uns Gott gethan -- und je anziehender, je ansprechender, je anregender er das thut, desto besser und vollständiger hat er Gottes Gebot erfüllt, und je aufmerksamer das Kind zuhört und mit kindlichen oder auch kindischen Fragen neue Erklärungen hervorruft, desto mehr wird es gerühmt, gelobt und beschenkt. D a erschließen sich gegenseitig Geist