Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 13 (31.3.1875)
- Date
- 1875-03-31
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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284 „Was, schwachsinnig?" sagte dann wohl Herr Wagener, „eigenfinnig ist sie! Aber ich werde ihr endlich ihren Eigensinn vertreiben." Nach solchen Gesprächen hatte dann Philippine ' die schrecklichsten Scenen zu erleben. Vater, Mutter, Bruder und Schwester stürmte» mit den bittersten! Vorwürfen auf sie ein. „Du bringst unsere ganze Familie in Verruf!" schrie der Vater. „Eine Schande für »«*"* rief die Mutter, „daß eS überall heißt, wir könnten unser eigenes Kind nicht zwingen." „Es schadet uNserm Rufe", sagte der Bruder, „wenn es in der ganzen Sta^t heißt, wir hätten eine verrückte Schwester!" „Du willst fromm sein", höhnte die Schwester, „und versagst doch den Eltern den schuldigen Gehorsam!" Philippine weinte. „Ich will ja gerne gehorsam sein", schluchzte sie, „sagt mir nur, was ich thun soll?" „Du sollst sein", eutgegnete die Mutter, „wie alle Menschen jetzt sind, wie Deine Schwester Georgine zum Beispiel." „Du sollst nicht den ganzen Tag in der Küche hocken", belehrte der Vater. „Du sollst mir nicht aus dem Wege gehen, wenn ich am Sabbat eine Cigarre rauche", sagte der Bruder. „Du sollst so sein und thun, wie die Eltern es wünschen", sprach Georgine. „Aber ich darf doch nicht, den Eltern zu Liebe, Gottes Gebote übertreten", entgegnete Philippine weinend. „Es hilft nichts", sagte Herr Wagener zu seiner Frau, „wir müssen ihr einen Man» schaffen; der wird sie schon erziehen!" Arme Philippiue! Alles, was sie bisher gelitten — es war nicht«, gegen die Kämpfe, die ihr nunmehr devorstanden. Es fanden sich mancherlei Bewerber; aber Diejenigen, welche den Eltern recht waren, fanden den Beifall der Tochter nicht. Wohl wollte Herr Wagener wiederholt sein Kind zwingen, Diesen oder Jenen zu nehmen, den er ausgesucht hatte — allein er wußte es nicht anzufangen. Vorwürfe, Scheltworte, Ueberredung, Drohungen hatten nicht den gewünschten Erfolg. Philippine beharrte bet dem Vorsatze, nur einem solchen Manne ihre Hand zu reichen, der nach den Grundsätzen des Judenthnms lebe» würde. Herr Wagener aber setzte seines Stolz darein, in diesem Puokte^seme-,^ Willej durc^usetze»; er. volle nicht, sagte er, zu de schwachsinnigen Tochter auch «och einen schwach^ sinnigen Schwiegersohn. Jahre vergingen. Philippinen- Schweftej heirathete; sie zog mit ihrem Manne nach der leichtj ledigen, luftigen Residenz und lebte dort in Hüllt und Fülle, in Luft und Freude. Auch Philippinen/ Bruder heirathete und machte in R. ein großes Haus aus. Als die Eltern dann starben, war Phu lippine bereits in einem Alter, das einem MLdi chen keine Heirathsgedanken mehr gestattet. Sil! verließ das Haus ihres Bruders und miethete sft eine kleine Wohnung. Dort lebte sie. einsam, ganj| einsam! Und heute wurde ein großes Fest gefrier drüben im ehemalige» Elterahaufe, zu Ehren vor Schwager und Schwester, die zum Besuche auj der Residenz gekommen waren. Equipage auf Equipage fahrt vorschön geputzte Herren um Damen steigen au-, die Kläuge einer rauschende» Musik schallen herüber. Philippine steht am Fenster und schaut traurig hinüber. Ach, die Fröhlichen drüben gedenken deH Einsamen nicht! Sie läßt die Vorhänge an ihren Fenstern her«! nieder und zündet die Lampe an. Dann nimmt! sie die Bibel und liest die Sidrah des kommende« Sabbats und die Haphtara. Es sind die Wort«! des Propheten JesaiaS, die wunderbar tröstend ih§ ins Herz bringen: „Und nicht spreche der Kinderlose, stehe, ic bin ein vertrockneter Baum. Denn also spricht! Gott zu den Kinderlosen, die Meine Sabbate bei obachten und erwählen, waS Ich wünsche und festi halten an Meinem Bund?:?Und Ich werde ihm« geben in Meinem Hause, innerhalb Meiner Mauem Raum und Namen, beffer als Söhne und Töchtereinen ewigen Ruhm werde Ich ihnen verleihen, de^ niemals abgeschnitten wird." „Ja, sprach Philippine, „mein Lebe» ist nicht! zwecklos; wenn auch vereinsamt, gleiche ich nicht dem verdorrten Baume; ich werde es niemals bei reuen, daß ich meine religiöse Ueberzeugung nich§ den auf mich eindrängenden Verhältnissen geopfer habe. (Fortsetzung folgt.) Hier-« zwei Beilage«. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. Z. G o 11S l e b e n'S Buchdruckern (Mainzer Anzeiger).