Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1875-03-31 · Heft 13 (31.3.1875) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
16 (1875)
Issue
Heft 13 (31.3.1875)
Date
1875-03-31
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2447603-2447616--11424-2467208
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

285 England. London. 21, März. Dir Juden der Stadt Safed in Palästina, deren Zahl sichans etwa 3000 beläuft, haben dem Aordmätzor von London eine in hebräischer Sprache Wschriebene und prächtig ausgestattete Petition übersandt, worin sie ihn bitten, feinen Ginfluß zu gebrauchen, um die im vorigen Jahre in England zu Tage getretenen Vorschläge für die Ermunterung des Ackerbaues und der Industrie in Palästina in Ausführung zu bringen. 1 A f r i k a. DaMckskits. Neulich wurde dahier ein Christ ins Judenthum ausgenommen. Dieser Fall ist besonders hervorzuheben, weil dieser GlaubenSwechfel aus voller Ueberzeugung geschehen zu sein scheint; denn dem Convertiteu wurden von Seiten der Rabbinen in Damaskus und Jerusalem, welchen Weg er zweimal zur Erreichung feines Vorhabens zurücklegte, alle «ur mögliche Schwierigkeiten in den Weg gelegt, um ihn von seiner Absicht abzubringen. Alles nützte nichts; je mehr man ihm abrieth, desto eifriger wurde et. Im Monat Januar endlich wurde er ausgenommen und die Befchneidnng an ihm vollzogen, bei der er sich heroisch zeigte. Seitdem studier er eifrig in der heil. Thora und er versteht schon ziemlich unsere Gebete in Hebräisch. (Arch. Irr.) Feuilleton. Pktttisavt. ii. Wohl selten wurde ein Herz, so reich an Liebe wie das Philipprnens, so sehr verkannt! Ihr Verhaltuiß zu den Eltern und Geschwistern wurde immer trüber. Als Philippine wahrgenommen hatte, wie es in der Küche ihrer Elter» zuging, hatte, sie sich ernstlich des Hauswesens angenommen. Aber das war den Eltern durchaus nicht recht; sie glaubten, ihrem gesellschaftlichen Standpunkte Etwas zu vergeben, wenn sie duldeten, daß ihre Tochter ihre Zeit mit häuslichen Arbeiten verbrächte. „Kind", sagte Herr Magener, „ich darf es durchaus nicht zugeben, daß Du wie eine Magd arbeitest! Was solle» da die Leute von mir denken? Das fehlte noch, daß mau mir nachsagte, ich behandelte meine älteste Tochter «te ein Aschenbrödel k" „Aber, lieber Vater", eutgegnete Philippine, „so veranlasse doch die Mutter, daß sie eine jüdische Köchin eugagirt!" . Und der Pater shat so. „Was mau mit dem eigeufiunigen Kinde aySsteht!" sagte Frau Wagener; aber sie fügte stch dem Wunsche ihres Mannes; Christine wurde entlassen und dafür eine Marjanne zur Herrscherin der Wagenerffchen Küche bestellt. Allein die Unglückliche konnte es der verwöhnten Herrschaft nicht recht machen. Bald war der Kaffee zu schwach oder zu stark; die Suppe zu „laß" oder versalzen, der Brate» verbrannt oder zu trocken. ES währte nicht lange — die Marjanne wurde entlasten und die Christine auf's Neue zum Schwingen des KüchenscepterS auserkoren. Bon dieser Zeit an ließ eS Philippine sich nicht verwehren, stets die Küche zu beaufsichtigen, die Gemüse z« „besehen" und daS Fleisch zu salzen. Immer mehr wurde sie in Folge dessen ihren Eltern und Geschwistern, die sie verhöhnten und verspotteten, entfremdet. Namentlich war eS der Sabbat, der Philippine zwang, sich ganz auf sich selbst zurückzuziehen. Am Freitag- Abend zündete sie in ihrem Stübchen die Lichter an, sprach selbst die Heiligung des Sabbats (Kiddusch) und brach das doppelte Brod (Lechem Mischneh). Und am Sabbat-Tage kam sie nicht aus ihrem Stübchen, um das geschäftliche Treiben im Hause, den Bruder mit der brennenden Cigarre und die Schwester mit der Handarbeit nicht zu sehen. In N. erregte das Benehmen Philippinendas größte Aufsehen. Die erst seit wenigen Jahren dort wohnenden Israeliten suchten alle, ohne Ausnahme, ihre Reife für die Emancipation durch die Entweihung des Sabbats und das Genießen verbotener Speisen zu docgmentiren. Der junge Prediger, den man angestellt hatte, predigte stets von Reform und Fortschritt, von den überflüssig gewordenen Ceremonialgesetzen und von der reingeistigen Mission des Juoenthums. Dadurch war Philippinen auch der Besuch der Synagoge verleidet. erschien denn die Frömmigkeit Philippinens den israelitischen Bewohnern von N. in einem Lichte der Sonderbarkeit — eine Frömmigkeit, welche den Besuch der Synagoge vermied! „Das Mädchen ist verrückt", hatte der junge Prediger gesagt, und dies Urtheil wurde von den gedankenlosen Menschen wiederholt. Viele sprachen Herrn und Frau Wagener gegenüber ihr Bedauern aus, daß deren älteste Tochter schwachsinnig fei.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.