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Der Israelit · 1875-03-24 · Heft 12 (24.3.1875) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
16 (1875)
Issue
Heft 12 (24.3.1875)
Date
1875-03-24
Page
– (sequence 10)
Language
German
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262 Rabbi weiß sich des Tages Henau zu erinnern — da fand an einem kalten, nebeligen Wintermorgen der „Schulklopfer", als er an das Ahor des Gemeindevorstehers klopfte, um ihn zum Gang in das Bethaus zu wecken, auf der Bank vor dem Hause einen Korb stehen, aus dem leises Wimmern klang. Als er entsetzt den Deckel abhob, fand er drinnen ein kleines, halberfrorenes Kind, sorglich in weiße Linnen gehüllt. Der Schulklopfer polterte den Vorsteher heraus, man brachte das Kind ins Haus und sah, daß es ein jüdisches Knäblein war, vielleicht einen Monat alt. Im Linnenzeug, welches reich und prächtig war, fand sich ein Säckchen mit Goldmünzen - fünftausend polnische Gulden, und daneben lag ein Zettelchen, auf dem in unserer Schrift geschrieben stand: „Dieser Knabe heißt Abraham und Ihr seid im Namen Gottes, des Einzigen, des Herrn der Heerschaaren gebeten, ihn zu pflegen und zu einem rechtschaffenen Menschen zu erziehen. Vas Geld soll die Kosten der Erziehung decken, vielleicht verbleibt noch ein Rest, von dem er sich dann fortbringen kann. Auch bitten wir Euch, den Knaben, sobald'er stehen und sprechen kann, dazu anzuhalten, daß er alljährlich am dritten Tage des Adar das Gebet für das Seelenheil seiner verstorbenen Mutter verrichte, denn dieses ist ihr Todestag. Forschet nicht nach seiner Herkunft — es wäre vergeblich!" Ihr könnt Euch denken, welches Staunen, welche ungeheure Verwirrung der Fund im Städtchen erweckte. Es ist unerhört, daß man ein jüdisches Kind aussetzt vor fremder Thür. Man hört dergleichen von Anderen, aber bei uns kommt es nicht vor, weil es ja das größte Verbrechen ist, ärger als Mord. Was waren nun hier die Gründe? Woher war der Knabe gebracht worden? Und dann — es war gerade am Morgen des vierten Adar — die Mutter mußte also gerade den Tag vorher gestorben sein. Lag hier ein Verbrechen vor? Ich will nur gleich hier sagen, man hat nie Gewisses darüber erfahren, so viel auch unsere Glaubensgenossen in Polen und Rußland — denn der Fall erregte ungeheures Aufsehen — forschten und suchten. Nur etwa zehn Jahre später erzählte ein alter Mann, der als Schnorrer durch das Land zog, als man ihm den kleinen Knaben wies, eine Begebenheit, die vielleicht mit diesem Ereignisse zusammenhängt. Bei Posen nämlich lebte einmal ein Jude auf einem Dorfe, der eine wunderschöne Tochter hatte. Der Gutsherr verliebte sich in sie, ließ sie taufen und nahm sie zu seinem Weibe. Der alte Mann verlor vor Schmerz fast den Verstand darüber, zog nach Posen und lag dort Tag und Nacht vor der Schule und flehte alle Beter rrn, den Frevel ztz rächen,, der an ihch und an Hott geschehen. Aber'eines Tages verschwand er spurlos und zwei Tage darauf hörte man von einer großen Gewaltthat. Vermummte hatten das Haus des Gutsherrn in dessen Abwesenheit überfallen und sein Weib und den Knaben, den sie eben geboren, entführt. Himmel und Erde bot man auf, um ihre Spur zu finden, die Juden in Posen hatten ein Jahr lang die härtesten Qualen zu erdulden, aber entweder wußten sie nichts oder sie wollten nichts sagen — Weib und Kind blieben spurlos verschwunden. So hat der alte Schnorrer erzählt. Aber wer weiß, ob die Geschichte wahr, oder ob er sie sich nur so zusammengedacht hatte, um länger in der Gemeinde bleiben zu können oder um besser ausgenommen zu werden. Denn man lud ihn wirklich Jeder zu Gaste, da Jeder die merkwürdige Geschichte von der Herkunft des kleinen Abraham ausführlich hören wollte. Damals war der Knabe zehn Jahre alt und wuchs kräftig heran. Die Gemeinde hatte ihm nämlich Pflege-Eltern bestellt, arme Leute, die er natürlich für seine leiblichen Eltern hielt. Erst als er dreizehn Jahre alt geworden, entdeckten ihm die Vorsteher 'das Geheimmß und legten ihm die Rechnung über sein Vermögen. Es war noch fast ganz unberührt. Diese Enthüllung mußte einen ungeheuren Eindruck auf ihn gemacht haben, denn von da ab verwandelte sich sein ganzes Wesen. Er war ein heiterer, gutmüthiger Knabe gewesen und wurde nun ein finsterer, verschlossener Jüngling. Bis dahin hatte er leidlich gelernt, so, was jeder Jude wissen muß, aber nun saß er Tag und Nacht über den Büchern. Aber nicht den Talmud studirte er, sondern die Kabbala. Das ist eine dunkle, mächtige Wissenschaft, der Himmel und die Hölle liegt darin und wer sie beherrscht, der weiß alle Geheimnisse der Vergangenheit und der Zukunft. Vielleicht suchte er so das Räthsel seiner Herkunft zu ergründen. So verging manches Jahr. Entweder weil er sich so tief vergrub in die dunkle Wissenschaft oder weil sich die tiefdunklen Locken so unheimlich abhoben von dem blassen Gesichte, nannte man ihn in der „Gasse" eben immer nur den „schwarzen Abraham." Als er in die Jahre kam, wo dies unsere Sitte fordert, drangen die Vorsteher in ihn, ein Weib zu nehmen. Aber er verweigerte es — „ich habe nach eine Pflicht zu erfüllen", sagte er. So ließ man ihn denn gewähren, aber man wich ihm aus und was früher verdeckt gewesen, ward wie offenbar: er gehörte doch eigentlich zu Niemandem. Darum war kaum Jemand betrübt, als

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