Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 12 (24.3.1875)
- Date
- 1875-03-24
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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*263 er — 24 Jahre mochte er damals alt sein — aus dem Städtchen zog. „Ich glaube gefunden zu haben, was ich gesucht", sagte er dem Rabbi zum Abschied, „ich gehe, meine Pflicht zu erfüllen." Und wieder verging manches Jahr. Man hörte nichts von Abraham, man vergaß ihn. Nur zuweilen erzählte man einem Fremden oder etwa den Kindern die seltsame Geschichte, wie ihn der Schulklopfer gefunden und was dann der alte Schnorrer erzählt. Da kam er nach sechs Jahren plötzlich wieder nach Czortkow; auf seinem Wagen waren viele Kisten mit Büchern und Geräthen. Er ging zum Rabbi und bat ihn um seine Verwendung bei der Gemeinde: man möge ihm behilflich sein, hier ein Häuslein zu bauen. Der Rabbi versprach es und fragte, wo er so lange gewesen. „Ich bin herumgewandert", sagte er, „um meine Pflicht zu erfüllen. Aber ich habe die Menschen, zu denen ich gehöre, nicht finden können. Einmal glaubte ich schön, auf dem richtigen Wege zu sein, ja sogar am richtigen Ziele. Aber es mar doch nicht das Richtige. Alle Zeichen, die mir die Kabbala angab, stimmten, aber eines war doch nicht so. Nämlich ein Graf in Paris —" Hier brach er ab und hat auch nie wieder darüber geredet. Die Gemeinde war hilfreich gegen ihn; er baute sich sein Haus — nicht wie die anderen, sondern nach eigenem Plane, ein sehr großes Gemach ohne Fenster und daneben ein kleines dürftiges Kämmerlein zum Wohnen und Schlafen. . Man verwunderte sich sehr darüber und an Sabbatnachmittagen zog die ganze Gemeinde auf den Bauplatz und alle besahen sich neugierig das seltsame Gebäude und zerbrachen sich den Kopf, wozu das taugen könne. Aber die Meisten getrauten sich nicht, den „schwarzen Abraham" zu fragen und wer den Muth dazu hatte, hatte auch nichts davon: der blasse Bocyer verweigerte die Antwort. Nur dem Rabbi sagte er einmal: „Ich tbue es, um meine Pflicht zu erfüllen. Denn mein Vater muß jetzt schwach und hilflos sein. Wie aber soll ich ihm ein getreuer Sohn sein, wenn ich ihn nicht kenne? So muß ich ihn zu finden suchen und da ich gar keinen Anhaltspunkt habe, so ist mein einziges Mittel die Kabbala. Durch die kann man Alles'erfahren, — das brauche ich Euch, als einem großen Gelehrten, nicht zu sagen. Und ebenso wißt Ihr, daß die Wissenschaft zwei Wege weiß zur Ergründung aller Räthsel, entweder durch Rechnung oder durch Durchforschung und Ausnützung der geheimen Kräfte, welche in Steine und Pflanzen gebannt sind. Den ersten Weg bin ich fruchtlos gegangen, ich werde jetzt den zweiten versuchen . . . ." Als diese Worte im Städtchen ruchbar wurden, wunderte man sich noch mehr über den seltsamen Menschen, und sah mit doppelter Neugier zu, wie drinnen im dunklen Saale ein mächtiger Schmelzofen gebaut wurde mit einem langen, thurmähnlichen Kamin. Man zerbrach sich den Kopf, was Alles darin geschehen werde, aber als das Haus fertig war und der „schwarze Abraham" an seine unheimliche Arbeit ging, da erfuhr Niemand, was darin geschah. Denn er lebte ganz abgeschlossen; eine alte Nachbarin bereitete ihm sein Mahl und brachte es in die kleine Wohnstube, aber keines fremden Menschen Aug' hat je das Innere des Saales erblickt. Da er sich dort so hartnäckig verschanzte, und das einzige Anzeichen, welches von seiner geheimen Arbeit an das Licht der Sonne drang, der Rauch aus dem Kamine nämlich, oft überaus merkwürdig, grünlich, gelblich, violett und meist übelduftig war, so glaubte man endlich steif und fest, er beschwöre da Dämonen und Todte, und es wurden schon Stimmen in der Gemeinde laut, den Hexenmeister, der ja doch zu Niemand gehöre, fortzujagen. Da machte ein furchtbares Ereigniß der Sache ein Ende. Jäh und dunkel, wie dieses Leben in unsere Mitte hineingeschneit worden war, wurde es auch aus unserer Gemeinde gerissen. Eines Nachts hörten wir einen furchtbaren'Knall, der Boden erzitterte, zu Tode erschrocken stürzten wir hinaus — am Himmel war eine feurige Lohe ...... Das Haus des „schwarzen Abraham" war in die Luft geflogen, und am Morgen zog man die Leiche des „schwarzen Abraham" ' unter den Trümmern hervor. So hat er dl’ sein Geheimniß mit sich genommen. Man begrub ihn, wo man die Fremden begräbt; er hatte ja doch zu Niemand gehört. So erzählte die alte Frau, und als sie zu Ende, ging der Kreis auseinander. Die Weiber gingen heim, um das Abendessen zu richten, die Männer schleuderten langsam, da bereits die Sterne am Himmel zu schimmern begannen, zur Synagoge, das Schlußgebet des Sabbats zu verrichten. Die alte Frau ging langsam heim, auf ihren Enkel gestützt. „Großmutter", sagte dieser und blieb stehen, „es ist eine ganz sonderbare Geschichte » . . „Warum sonderbar? Du mußt nur denken, er war ein jüdisch Blut. Und jüdisch Blut muß wissen, zu wem es gehört. Das ist so ein Gesetz in unserem Herzen.