Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 12 (24.3.1875)
- Date
- 1875-03-24
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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260 „Laß mir das Kind", sagte der alte Mann zu seinem Sohne, „es würde mir hier z« einsam werden ohne mein Herzblättchen." „Ja, laßt uns die Kleine", bat die Großmutter, „Ihr wißt ja, sie ist gut bei uns aufgehoben." Und die Eltern konnten die Bitte nicht abschlagen; sie zogen in die Stadt und ließen das Töchterchen de« Großeltern. Die Jahre vergingen. Trotzdem Philippine auf dem Dorfe aufwuchS, wurde in ihrer Erziehung nichts versäumt; sie erhielt Unterricht in allen Dingen, deren Kenntniß die Gegenwart von jungen Damen fordert; die besten Lehrer und Lehrerinnen kamen aus dem benachbarten Städtchen, denn der Großvater war ein wohlhabender Mann und setzte seinen Stolz darein, daß Philippine auf dem Lande noch mehr lernen sollte als ihre Schwester in der großen Stadt; sicher mehr, denn der Lehrer der Dorfgemeinde, von dem Philippine Religionsunterricht erhielt, war ein sehr gediegener und tüchtiger Mann, welcher der Ansicht war, daß der Unterricht in der jüdischen Religion im Lesen der heiligen Schrift in der Ursprache bestehen müsse, und eine solche Kenntniß blieb ihren Geschwistern in der großen Stadt, in welcher erst wenige Juden wohnten — sie war vordem den Israeliten verschlossen gewesen — versagt. Die Jahre vergingen; die Großeltern starben rasch nacheinander, und Philippine zog zu ihren Eltern. Die Arme, sie war eine Fremde geworden im Elternhause! Welche Zustände traf sie dort an! Ein Geist der Frivolität und des Leichtsinnes hatte dort Platz gegriffen. Als ein religiöser, gesetzestreuer Jude war Herr Wagener nach N. gekommen, und was war er jetzt? Am Sabbat war sein Comptoir geöffnet wie an den Wochentagen, und außer dem Hause verschmähte die ganze Familie die unjüdifche Kost nicht. Frau Wagener batte im leichtsinnigen Vernachlässigen der religiösen Pflichten gleiche Fortschritte mit ihrem Manne gemacht. Es war das auch nichts Besonderes; mit allen den wohlhabenden Israeliten, die von den verschiedensten Dörfern und Städtchen in die große Stadt gezogen waren, hatte sich dieselbe Wandelung vollzogen. Anfangs, da sie da- Gesetz noch hielten, wurden sie verspottet und verlacht; man hielt sie für ungebildet, schalt sie zurückgeblieben hinter den Fortschritten der Zeit. Solcher Spott und solcher Hohn verfehlten ihre Wirkung nicht. Die Sucht nach Erwerb beseitigte zunächst den Sabbat, und nach dem Falle dieser Grundsäule des Judenthums fiel das Andere, Stück für Stück, bis am Ende gar Nichts oder sehr wenig mehr übrig blieb. In dieses Haus, aus dem der hehre Geist des Judenthums gewichen, kam Philippine ganz unvorbereitet. Sie hatte die Eltern nicht ein einziges Mal besucht, denn die Großeltern hatten es nicht über sich gewinnen können, sich auch nur auf wenige Tage Von dem geliebten Enkelkinde zu trennen; und wenn die Eltern zum Besuche gekommen waren, so hatten sie sorgfältig Alles vermieden, was die Wandelung ihrer Gesinnung hätte verrathen können; um die Großeltern nicht zu betrüben, hatten sie vor der eigenen Tochter ihre Gesinnung geheim gehalten. „Hast Du keine jüdische Köchin V fragte Philipp ine, bald nach ihrer Ankunft im elterlichen Hause, die Mutter. „Ach nein", antwortete diese, „die jüdischen Köchinnen sind so anspruchsvoll, so träge! Sie verlangen hohen Lohn, und jede Arbeit ist ihnen zu viel. Unsere Christine ist so fleißig und kocht sehr gut!" „Das muß aber für Dich, liebe Mutter", entgegnete Philippine, „sehr lästig sein, den ganzen Tag in der Küche zu stehen und Alles zu beaufsichtigen, das Fleisch zu wässern und zu salzen!" Georgine, die Schwester PhilippinenS, lachte laut auf. „Das thut Mama auch nicht", sagte sie. „Was baft Du doch in Deinem Dorfe für beschränkte Ansichten Dir angeeignet!" „Unsere Christine", sagte die Mutter, „besorgt das Alles sehr gut; sie wässert und salzt wie eine geborene Jüdin; sie hält Milch und Fleisch auseinander, daß es eine wahre Freude ist." Philippine sah mit Erstaunen zu ihrer Mutter empor. „Aber, liebe Mutter, das darf ja nicht sein!" sagte sie. „Liebes Kind", antwortete die Mutter, „die Verhältnisse sind hier anders als im Hause der seligen Großeltern. Du mußt Dich an die städtischen Sitten gewöhnen." Philippine weinte bei der Erwähnung der Großeltern; ihr Herz blutete noch ob der Wunde, die ihr der so schnelle Verlust der guten alten Leute geschlagen; die Wunde wurde noch schmerzlicher durch die trüben Erfahrungen im elterlichen Hause. (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Bei Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'fchen Hofbuchhandlung. I. GoltSleben'S Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).